"Hybris der Intelligenz"

13. März 2002, 19:08
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Die Rolle der Wissenschaft beim Atombombenbau

Wien - "Alle Initiativen zur Entwicklung von Kernwaffen, in England, in den USA, in Deutschland, gingen von Physikern aus", erklärte Wolfgang Reiter, Physiker im Wissenschaftsministerium, Dienstagabend im Theater in der Drachengasse: "Aber wenn die Programme in Gang waren, konnten sie sich nicht mehr aufhalten. Dass sie es wollten, zeigt ihre Hybris."

In den USA wollten manche es, in Deutschland war es nicht zum Bombenbau gekommen, dort zeigte sich die "Hybris der Intelligenz" anders: Viele wollten durch kleine Zugeständnisse an die Nazis die großen Entscheidungen - etwa über die Bombe - behalten und wateten in die "Kollaboration".

So weit Reiter, der mit anderen Forschern ins Theater gekommen war, weil dort in Kopenhagen die alte Streitfrage durchgespielt wird, ob die Physiker um Werner Heisenberg den Nazis die Bombe bauen wollten und ob sie Mitläufer waren - oder nicht.

Das Stück gibt keine Antwort, und die Forscher waren sich in der Diskussion zwar über Heisenbergs Mitläufertum einig, konnten die Bombenfrage aber auch nicht klären. Das liegt zum einen an den Quellen: Zentral ist ein Gespräch zwischen Heisenberg und Niels Bohr 1941, von dem beider Gedächtnisse völlig verschiedene Erinnerungen modelliert haben.

Und das liegt zum anderen an der auch bei zweifelsfrei Dokumentiertem unerlässlichen "Kontextualisierung", die der Wiener Zeithistoriker Friedrich Stadler forderte und die sein Kollege Mitchell Ash an Heisenberg erläuterte. Ihn adelte sein Mitarbeiter Carl Friedrich von Weizsäcker 1945 zum aktiven Verhinderer der deutschen Bombe. Entstanden ist diese Legende, als Weizsäcker vom Bombenabwurf auf Hiroschima erfuhr und im Vollgefühl der "moralischen Überlegenheit" der Deutschen schwelgte, die Bombe eben nicht gebaut zu haben. (jl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 3. 2002)

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