Aktion "Vera"

13. März 2002, 20:04
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Rasanter Obmannwechsel bei der Wiener ÖVP - ein Kommentar von Roman Freihsl

Nach den jüngsten Umfragen sieht die Situation wirklich nicht berauschend aus", versucht Kammerchef Walter Nettig die von ein paar Bezirken ausgelöste Rasanz beim Obmannwechsel der Wiener ÖVP zu argumentieren. Dabei ist "nicht berauschend" eine gewaltige Untertreibung. Nach tristen 16,4 Prozent bei der Gemeinderatswahl im Vorjahr ist die Wiener ÖVP inzwischen unter die Werte der Grünen abgerutscht.

Die Antwort kann daher eigentlich nur sein: Der nächste Obmann oder die nächste Obfrau müsste in der Lage sein, bei der SPÖ Stimmen abzuräumen. Was möglich wäre, wo manche SP-Stadträte derzeit nicht gerade lichtvoll agieren. Er oder sie müsste aber auch im Lager der Grünen verlorenes Terrain wiedergutmachen. Aber vorerst bestimmen nicht Vokabel wie "Offenheit", "Liberalität" oder "moderne Urbanität" die Obmannsuche. Derzeit werden zwischen Bund und Land Namen wild hin- und hergeworfen, versehen mit den Attributen "telegen", "oft in der ZiB" und "hoher Bekanntheitsgrad". VP-intern gibt es sogar den Arbeitstitel "Vera Russwurm". Allerdings mit dem Zusatz: "Nicht dass wir sie wirklich fragen würden."

Wie auch immer - will die ÖVP als Stadtpartei reüssieren, braucht sie dringend jemanden, der Bernhard Görg weit übertrifft. Wobei der aber auch weit unter seinem Wert geschlagen wurde. Frühere patscherte Auftritte blieben eher hängen als seine Intelligenz oder seine Prinzipientreue - auch gegenüber der Bundespartei. Etwa als er Rückgrat bewies und sich strikt gegen privaten Waffenbesitz aussprach. Vor allem aber ist Görg ein VP-Phänomen: Kaum jemandem vor ihm ist es gelungen, dass derart lange nicht an seinem Sessel gesägt wurde. Görg konnte die intriganten "Freunde" zwar lange im Zaum halten, wirklich zügeln aber nicht - wie man jetzt sieht. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 14.3.2002)

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