Ein schwieriger Gast

14. März 2002, 14:35
posten

Erklärungsbedarf und Rücksichtnahme beim Besuch von Irans Präsident Khatami - ein Kommentar von Gudrun Harrer

Das Ganze ist schon eine etwas seltsame Übung. Da kommt der Präsident eines Landes, das laut nicht unbedeutender Weltsicht der USA Teil einer "Achse des Bösen" ist, auf Staatsbesuch. Dagegen protestiert - neben einigen durchaus honorigen iranischen Demokraten - auch eine iranische Opposition, die ausgerechnet bei Saddam Hussein in Bagdad Unterschlupf gefunden hat. Daneben erregen sich ein paar Kommentatoren, dass eine europäische Regierung dem Repräsentanten eines undemokratischen Regimes - wenn er hundertprozentig koscher wäre, wär' er's ja nicht - so viel Ehre erweist (natürlich ohne zu erwähnen, dass US-Präsident George Bush in Washington soeben den usbekischen Diktator Karimow abbusselt).

Gleichzeitig setzen sich Staats- und Kirchenrepräsentanten mit ihrem Mullah-Präsidenten-Gast hin, um nach einem "Dialog der Kulturen" begeistert die Sensation zu verkünden, dass er ohnehin niemanden zwangsislamisieren will und sich durchaus höflich gegen den Westen geriert. Worauf aber ein paar Frauen aufschreien, weil sie dem Muslim nicht die Hand geben durften (aber wiederum nicht sagen oder nicht wissen, dass das bei orthodoxen Juden ebenfalls unerwünscht ist). Und die Islamisten spitzen die Ohren: Hat Khatami vielleicht doch irgendwie etwas gesagt, das ihn endlich als Ketzer entlarvt? Nein, stellen die heimischen Journalisten fest, er hat den Islam so über den grünen Klee gepriesen, er ist ja doch ein Hardliner.

Wie gesagt, seltsam. Der Westen lässt sich die Unterstützung des iranischen Reformpräsidenten Mohammed Khatami einiges kosten - auch einiges an Nerven. Der Erklärungsbedarf in die eine Richtung, die Rücksichtnahme in die andere. Denn selbst für Verständnisvolle ist es im Grunde des Herzens immer wieder ein Ärgernis, dass man die Bedingungen, die einem Religiöse aufzwingen, immer doppelt erfüllen muss: bei ihnen zu Hause (okay), bei uns zu Hause (nicht okay).

Wenn in Wien kein Glas Wein in Sichtweise des Präsidenten aufscheinen darf, dann müssten im Sinn der reziproken Gastfreundschaft für den Besucher aus dem Westen eigentlich in Teheran die Flaschen nur so um den Tisch kreisen, sollte man meinen. Wer sagt, das sind Lächerlichkeiten, hat Recht und auch wieder nicht: An der Weinfrage ist schon einmal ein Khatami-Besuch in Frankreich gescheitert.

Tatsächlich ist Präsident Khatami im Westen auf eine verquere Art fast unantastbar geworden, denn jede Kritik an ihm bedeutet Auftrieb für seine Gegner in Iran, und das will man vermeiden. Von dieser Warte aus gesehen kommt auch die "Achse des Bösen" für das alte iranische Establishment nicht unwillkommen: Die wohl bekannte Polarisierung ist den Traditionalisten schon viel lieber als die jungen Iraner und Iranerinnen, die nach dem 11. September trauernd mit Kerzen auf die Straße gingen.

Die wiederum in den USA und anderswo nicht wahrgenommen werden, wo man lieber auf das iranische Atomkraftwerk Bushehr schaut, das eventuell bald das gleiche Ende nehmen wird wie der irakische Reaktor Osirak 1981. Nur werden diesmal nicht die Israelis angreifen, sondern eben die Amerikaner.

Was in diesem Szenario der in Wien so in den Vordergrund gestellte (schiitisch-) islamisch-christliche Dialog bedeuten kann, ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Pessimisten weisen darauf hin, dass erstens eine Verständigung auf dieser hohen Ebene so gut wie keinen Reflex auf einer unteren zeigt und dass die theologische Auseinandersetzung zweitens für nicht religiöse Menschen (und die gibt es auch im Iran zuhauf) schlicht irrelevant ist.

Seit dem 11. September wissen wir aber, dass man zu einer Auseinandersetzung mit Religion - oder ihren Deviationen - auch gezwungen werden kann, mit brutaler Gewalt. Der interreligiöse Dialog als Instrument kann das nicht verhindern, aber sehr wohl die Achtung der Menschen voreinander, für die dieser Dialog steht. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 14.3.2002)

Share if you care.