Yvon Neptune: Durch Hoch und Tief mit Aristide

13. März 2002, 20:05
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Jean-Bertrand Aristide, vor sieben Jahren von US-Truppen als demokratische Hoffnung nach Haiti zurückgebrachter Präsident, unter dessen Amtsführung das ärmste Land der Karibik aber noch tiefer ins Chaos sank, hat seit Dienstag einen neuen Premier: Yvon Neptune.

Die Laufbahn Neptunes ähnelt der Aristides - der vom sozial engagierten Armenpriester zum autoritären Herrscher unter Korruptionsverdacht wurde - aber zu sehr, als dass mit seinem Erfolg zu rechnen wäre. 1946 im Süden Haitis geboren, wurde Neptune in katholischen Schulen erzogen und mit einem Stipendium zum Architekturstudium nach New York geschickt. Dort verkehrte er auch in Künstlerkreisen und spielte Theater - u. a. die Rolle des blinden Schwarz-Sehers Teiresias in einer kreolischen Version der Antigone.

Nach dem Sturz des Diktators Jean-Claude "Baby Doc" Duvalier (1986) unterstützte er in Sozialinstituten und als Radiokommentator teils in Haiti, teils in New York die Bewegung von Aristide (der 1991 gewählt, aber im Jahr darauf vom Militär aus dem Amt geputscht wurde). 1994 hörte Aristide im US-Exil, wie Neptune auf CNN eloquent seine Wiedereinsetzung forderte - rief ihn an und machte ihn rasch zum engsten Vertrauten.

Von den USA nach Haiti zurückgebracht, gelang es Aristide und Neptune mit der von ihnen geführten Bewegung aber nicht, das Los der von Analphabetismus, Arbeitslosigkeit und Aids geplagten Bevölkerung zu verbessern. Ihre anfangs hohe Popularität schrumpfte so sehr, dass sie - laut Opposition und internationalen Beobachtern - den Sieg bei den Kongresswahlen im Mai 2000 fälschten. An den Präsidentenwahlen im Herbst 2000, bei denen Aristide bestätigt wurde, nahm die Opposition gar nicht mehr teil.

Der Tiefpunkt kam im Dezember 2001, als unbekannte Bewaffnete den Präsidentenpalast stürmten, obwohl sich Aristide, wie jeder wusste, in seiner privaten Residenz aufhielt. Regierungsnahe Schlägertrupps, die "Chimères", attackierten daraufhin Oppositionelle und Journalisten. Für Kritiker der Regierung Haitis - auch eine Durchgangsstation für den Drogenhandel - ähnelte das Land bereits einem "Schurkenstaat".

Neptune, verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern, war inzwischen Senatspräsident geworden und sollte die Untersuchungen der Vorfälle leiten, tat aber wenig.

Jetzt kündigt er einen Dialog mit der Opposition an. Denn die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) hält 500 Millionen Dollar an Hilfsgeldern zurück, bis ein demokratischer Konsens gefunden ist. Dabei werden ihm mit großen Vollmachten ausgestattete Beobachter der OAS über die Schulter schauen - was die Wochenzeitung Haïti Progrès stark an die UNO-Waffeninspektoren im Irak erinnert. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 14.3.2002)

Erhard Stackl
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