Grummelnde Windgeräusche

15. März 2002, 16:11
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Musikalische Höhen und Tiefen bei den Wiener "Hörgängen"

Von Reinhard Kager

Wien - Einen Mangel an Abwechslung wird man den Hörgängen kaum vorwerfen können. Das betrifft allerdings auch die Qualität des Dargebotenen: Wer etwa nur den Abend mit den inferioren Tehran Soloists oder die sich mühsam schleppende Hommage an Fernando Pessoa mit dem Ensemble On Line Vienna besuchte, hätte den Eindruck gewinnen können, das Festival befinde sich auf einer unaufhaltsamen Talfahrt.

Dass tragfähig erscheinende Kompositionen collagiert werden mussten, um die Vielgestaltigkeit Pessoas zu unterstreichen, erschien ebenso überflüssig wie die Bettszenen (mit Samuel Finzi), die den portugiesischen Dichter zum Nestroyschen Faktotum entstellten und Germán Toro-Pérez' Drama em gente und Alexander Stankovskis Pessoa vollends zerstückelten.

Dieser halbszenischen Melange standen jedoch drei dichte Events entgegen, in denen die Hörgänge wieder auf den gewohnt qualitätsvollen Spuren wandelten: Reizvoll etwa die Zusammenstellung dreier Werke Beat Furrers und Salvatore Sciarrinos, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Komponisten des Leisen zutage förderten.

Wie schon in seiner Oper Begehren zerstückelt Furrer die Vokallinien seines neuesten Stücks Invocation auf ein Gedicht von Juan de la Crúz durch abrupte Repetitionen oder durch Atemgeräusche der Sängerin (Elizabeth Keusch), die reizvoll mit der Stimme einer Bassflöte (Eva Furrer) verschmelzen. Einen ähnlich verinnerlichten Abend spielte das Improvisationsduo Franz Hautzinger/ Manon-Liu Winter:

Ein Mikrofon in den Trichter seiner Vierteltontrompete steckend, produzierte Hautzinger grummelnde Windgeräusche, die von der Pianistin durch vor allem im Inneren des Klaviers produziertes Sirren und Geklingel kontrapunktiert wurden. Eine geheimnisvolle Improvisationsstunde, die ein Wandbild von Christoph Speich mit gespenstisch weißen Körpern atmosphärisch unterstützte.

Für den bisherigen Höhepunkt des Festivals sorgte die französische Gruppe Metamkine, deren Low-Tech-Performance mittels simpler Super-8-Filmprojektoren einen schwarzen Mann durch das ORF-Klangtheater geistern ließ. Da wurden Bild und Raum zum Klang, den Improvisationen mit einem Tonbandgerät beisteuerten, um die in immer weitere Ferne rückenden Projektionen bis ins Freie zu begleiten. Womit dennoch ein einst vertrautes, doch durch Computervideos mittlerweile fremd gewordenes Medium wieder nah herangerückt wurde.

Hörgänge am Donnerstag: Metamkine im ORF-Radiokulturhaus mit Fennesz/Hautzinger/Kurzmann. 20.00 Uhr
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 3. 2002)
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