Uni-Spot: Kein Stipendium, weil der Bruder verdient

13. März 2002, 18:04
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Reduzierte Unterhaltsverpflichtung

Wien - Susanna schaut durch die Finger. Wegen des Nebenverdienstes ihres studierenden Bruders wurde ihr eigener Antrag auf Studienbeihilfe von der Behörde abgelehnt.

Die Psychologiestudentin hat drei Geschwister. Ihre Schwester geht in die Schule, Susanna und ihre Brüder studieren. Alle Kinder wohnen bei den Eltern. Bruder Frederik, Medizinstudent, arbeitet für 650 Euro im Monat beim Ärztenotfunk. Susannas Vater ernährt mit einem Bruttoeinkommen von 45.000 Euro jährlich die Familie.

Susanna nahm daher die Einführung der Studiengebühren zum Anlass, Studienbeihilfe zu beantragen, denn "die Gebühren kosten ein halbes Monatsgehalt". Susanna bekam einen negativen Bescheid - aber nicht etwa weil das Gehalt des Vaters zu hoch ist, sondern wegen Frederiks Einkommen von 650 Euro. Beim Bildungsministerium erfuhr der Standard: Die Höhe der Unterhaltspflicht wird aus dem Familieneinkommen und der Anzahl der Kinder berechnet. Verdient aber eines der Kinder mehr als den Unterhalt, den die Eltern für dieses Kind zu leisten hätten, sind die Eltern aus der Unterhaltspflicht entlassen. Susannas Vater muss also laut Gesetz nicht für drei, sondern nur für zwei studierende Kinder aufkommen.

Die Realität, sagt Susanna, schaut anders aus: "Vom Gehalt meines Bruders sehe ich keinen Cent." Und Essen oder Selbstbehalte beim Arzt würden nach wie vor für alle Kinder aus dem Familienbudget bezahlt. Verblüfft ist Susanna auch über die Überraschungen im System: Weder das Antragsformular noch Informationsbroschüren oder Homepages hätten diese Regelung bekannt gemacht. (east)
(DER STANDARD, Printausgabe, 14.3.2002)

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