Attwengern, so wenig wie möglich

13. März 2002, 21:51
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Das Linzer Duo im Interview über "nationale Idiotn" und ihr neues Album "Sun"

Foto: Trikont
Attwenger: Sun
Trikont (Vertrieb: Indigo )

WEB-TIPP:
www.attwenger.at

Das Linzer Duo Attwenger veröffentlicht mit "Sun" wieder eine vergnügliche Reise durch die Wunderwelt von Dialekt und Sound. Dass man dabei auch oft am Provinzialismus vorbeimuss, belegt das neue Lied "Kaklakariada": "Diese gaunzn Patriotn, nationale Idiotn!"

Ein Gespräch mit Christian Schachinger über nötige und unnötige Wiederholungen in Politik und Musik.


Wien - Am 18. März ist es so weit. Nach fünf Jahren Pause, während denen man die alten volksmusikalischen Sounds endgültig abstreifte und Neuland in Richtung globaler Grooves sichtete, veröffentlichen Markus Binder und Hans-Peter Falkner mit Sun ihr fünftes Album.

Nach dem räudigen Volksmusik-Punk der Anfangszeit, einer Beschäftigung mit Hip-Hop und Techno öffnet sich das autarke Duo nun erstmals äußeren Einflüssen. Es kooperiert mit dem britischen Avantgardegitarristen Fred Frith, der serbischen Turboblasmusik Boban Markovic Orkestar sic und den Münchner Elektronikern Couch.

Der Musik und den Texten hat das hörbar gut getan. So frisch haben Attwenger selten geklungen. Und nach all der Reduktion und Repetition, der immer noch größeren Verknappung von Form und Inhalt der letzten Jahre werden jetzt auch wieder "Geschichten" erzählt. Wenn man so will. Davon gleich mehr.

Zuvor möchte nämlich Akkordeonspieler Hans-Peter Falkner etwas klarstellen. Es geht um lange Schaffenspausen und Faulheit: "Man könnte jetzt natürlich schon sagen, dass fünf Jahre eine lange Zeit sind. Andererseits haben wir in den ersten drei Jahren unseres Bestehens drei Alben veröffentlicht, dann vier Jahre pausiert - und jetzt eben fünf. Unter dem Strich sind das fünf Alben in zehn Jahren, was ja nicht unbedingt faul ist. Außerdem lassen wir uns nicht stressen. Wir stressen uns ja nicht einmal selbst."

Schlagzeuger und Texter Markus Binder: "Attwengern bedeutete immer schon: so wenig wie möglich."

Hans-Peter Falkner: "Der eigentliche Endpunkt war ja schon mit Hob Mi 1991 auf unserem Debüt Most erreicht: 'Hob mi, hob mi, hob mi, hob mi ...' Zwei Minuten lang - und dann: 'Hob mi do gern!'"

Markus Binder: "Durch die jahrelange Arbeit mit so wenig Material habe ich allerdings entdeckt, dass 'richtige' Texte und Geschichten schon auch lässig sind. In der Frage der Reduktion haben wir eine gewisse Routine. Das merkt man. Eine kurze Phrase kommt ins Rollen und wiederholt sich endlos. So wie der erste Song auf der neuen CD: 'Muamen wia de Mauna/ die muamen die Mauna ...'

Die Frage ist: Wie kann man es sprachlich und in unserem Fall eben auch mit einer musikalischen, auf den Beats beruhenden Sprache möglichst knapp und gleichzeitig offen für verschiedene Deutungsansätze schaffen, das zu beschreiben, was wir im Titelsong von Sun versuchen. Die Idee des roten Lichts, das entsteht, wenn man die Augen schließt und in die Sonne schaut. Wie bringe ich das in eine Geschichte, ohne dass ich ins Plappern komme?"

Geschichten ohne Anfang und Ende. Erzählen, ohne sich auf die gewohnte Erzählstruktur zu verlassen. Bei Attwenger geht es nicht von Punkt A nach Punkt B. Hier geht es beständig um den Punkt A herum, und das wird von Punkt B aus beschrieben. Deshalb kann man bei Attwenger nie zu spät kommen. Es gibt keinen Anfang. Und wenn es langweilig wird, dann steigt man einfach wieder aus.

Über das Scheitern

Markus Binder: "Das ist wie die Fahrt mit einer Hochschaubahn, wo dauernd Bildfetzen an einem vorbei fliegen. Na ja, aussteigen sollte man da während der Fahrt eher nicht ... Nimm unser neues Stück Laara Disch. Da probiert man etwas, dann geht es schief und am Schluss sitzt man wieder vor dem leeren Tisch. Diese Erfahrung des Scheiterns wird beschrieben."

Das Scheitern bei größtem politischen Erfolg wird dann auch im zentralen Stück des neuen Albums umkreist: "Ka Klakariada kau da irgendwos dazöhn wos schdimmt."

Markus Binder: "Hier wird ein globales Phänomen beschrieben. Man kann das auch österreichmäßig interpretieren, aber nach dem 11. September hat sich das weltweit verstärkt, dass da aus kleinkarierter Sicht heraus ganze Kulturkreise verdammt werden. Was die Leute nicht verstehen, da machen sie sich gleich die Hosen voll deswegen.

Es geht um diese Verschränkung von Hass gegenüber 'dem Anderen' und damit verbunden das eigene Aufblasen. Das ist ja weltweit am Zunehmen. Dann liest man in der Zeitung von der Elfriede Jelinek, dass sie auswandern möchte. Da muss man sich fragen: Okay, aber wo wanderst du denn hin?!

Ziehst du nach Hamburg? Da haben sie dasselbe wie bei uns mit Rechtsaußen in der Regierung. Oder nach Dänemark? Oder zum Le Pen? Ich kann doch nicht sagen, ich wandere jetzt aus, weil das ist mir zu blöd hier. Es schaut rundherum nicht gut aus. Wir betreiben auf sehr interationale Art Provinzialismus- Studien."

Stichwort: Ich liebe die italienische Lebensart, die kann ich mir beim Billa kaufen. Aber die Italiener sollen bitte daheim bleiben.

Markus Binder: "In der Fußgängerzone von St. Pölten schaut es auch nicht anders aus wie in der von Bielefeld. Provinzialismus bedeutet Teil eines großen marktwirtschaftlichen Freiraums zu sein, aber dahinter verbirgt sich immer die Behauptung: Aber wir hier daheim, wir sind auch super, und wir wollen auch schön dastehen. Mir ist das jetzt ja zu soziologisch, aber: Provinzialismus ist ja nur eine Reaktion auf die Globalisierung, diese Behauptung ist ja ein Blödsinn.

Diese alte EU-Geschichte von: Wir stärken die Regionen! Da muss ich mir doch angesichts unserer Landespolitik-Wastln sagen: Hey, das habt ihr eh schon immer gesagt, wie super ihr selber seid!

Den Karl Schranz mit 'Mia san mia!' hat's vor 30 Jahren auch schon gegeben. Das kann's nicht sein, diese Selbstüberhöhung. Attwenger schaut, was da passiert. In unserer bescheidenen Form."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 3. 2002)

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