ORF-Technikchef Gall: Potenzial mit dem "Lötkolben statt Rotstift" nutzen

13. März 2002, 14:46
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Technik als Dienstleister für das Programm - Trennung von Mondocom unabdinglich - "Marktkonforme" Gehaltsgestaltung

Kein Mann für Einsparungen mit der "Machete" möchte der neue Technische Direktor des ORF, Andreas Gall (37), sein. Vielmehr gelte es, brachliegendes Potenzial bei den "vielen guten Leuten" in der ORF-Technik zu aktivieren, erklärt er im Interview. Er selbst versteht sich als "Techniker, der immer Programmkonzepte entwickelt hat". Seine Leitlinie laute daher: "Das Programm ist das Wichtigste und die Kernkompetenz. Die Technik hat eine 100-prozentige Dienstleistungsfunktion mit Servicecharakter".

"Lötkolben statt Rotstift"

Gall zeigt sich überzeugt, dass auch in Zeiten der Sparzwänge "niemand hinausgeschmissen werden muss". "Ich gehe sicher nicht mit der Machete durch ein Unternehmen, und jeder, der sich nicht rechtzeitig duckt, wird geköpft." Natürlich könnten sich in einem großen Unternehmen "im Laufe der Jahre Dinge einschleichen", und man müsse sich "Arbeitsprozesse und vielleicht auch Strukturen" ansehen. Hier plädiere er aber dafür, eher "mit dem Lötkolben statt mit dem Rotstift" vorzugehen.

"Ich habe jetzt seit 1996 die Potenziale im Unternehmen gesehen", meint Gall, der seit dieser Zeit mit seiner Mondocom für die Ö3-Technik verantwortlich zeichnet. Das Personal in der ORF-Technik sei hoch qualifiziert, "es gibt so viele Leute, die sich aus mir noch nicht bekannten Gründen nicht entfalten konnten". Hier sehe er die "wirklich große Herausforderung für meine Tätigkeit als Technischer Direktor", die auch wirtschaftlich erfolgreich sein könne. Technische Innovationen könnten weitervermarktet werden, ist Gall überzeugt.

Trennung von Mondocom unabdinglich

Nicht nur für Ö3, sondern auch für zahlreiche andere ORF-Projekte hat Gall mit der Firma Monodocom gearbeitet. Die Ö3-Technik wird mit einem Personalleasing-Modell von Mondocom-Mitarbeitern betreut. Derzeit hält Gall mit seiner Frau an die 98 Prozent am Unternehmen. Um Unvereinbarkeit zu vermeiden, sei "klar, dass ich meinen Geschäftsführer aufgeben muss und jegliche Verbindung mit der Firma, die bestanden haben, aufgelöst werden müssen", betont Gall. Der ORF will die Mondocom nun nach einer Unternehmensbewertung kaufen.

Mondocom - mit 15 Angestellten - sei "virtuell ziemlich viel" wert, aber: "Es ist kaufbar und in einem gesunden Rahmen", so Gall. Konkrete Zahlen nennt er nicht. Keine näheren Auskünfte macht er auch über sein mit dem ORF vereinbartes Gehalt. Nur so viel: "Ich bin mit dem, was man mir angeboten hat, zufrieden. Man hat sich getroffen." Bei den Verhandlungen habe er sich äußerst "fair und gut behandelt" gefühlt. Vom Stiftungsrat abgesegnet sind die Verträge der ORF-Direktoren allerdings nicht nicht - das soll am 25. April finalisiert werden.

"Marktkonforme" Gehaltsgestaltung

Kritik an zu hohen ORF-Gagen, wie sie zuletzt wieder FPÖ-Klubobmann und Mediensprecher Peter Westenthaler geäußert hat, weist Gall zurück: "Marktkonforme Größen kann niemand verbieten." Der ORF müsse vielmehr darauf achten, konkurrenzfähige Entlohnung bieten zu können, um die Abwanderung von gut ausgebildeten Leuten zu verhindern. Dass man für Führungskräfte, die nicht schon seit Jahren im ORF tätig sind, ein anderes Bezügemodell entwickelt, sei sinnvoll. "Externe" Manager hätten ja etwa ihre Pensionsansprüche schon längst, und auf anderem Weg, geregelt.

Der erste "große Brocken" für den neuen Technischen Direktor ist der neue TV-Newsroom, an dessen Bau er als "Programm-Technik-Koordinator" mitgewirkt hat. "Die technischen Entscheidungen sind nicht mein Job gewesen", betont er. Im Newsroom, der ursprünglich schon zum Jahreswechsel in Betrieb gehen sollte, sei man derzeit "in der Testflugphase, denn das ist halt doch deutlich komplexer als im Hörfunk". "Optimierungen" in der nächsten Zeit seien "sicher die Hauptaufgabe". Er sei aber "äußerst zuversichtlich, dass wir schnell in ein, zwei Monaten zu einem guten Punkt kommen".

Weiteres großes Technik-Thema der nächsten Jahre ist das digitale terrestrische Fernsehen. Hier müsse der ORF "permanent im Markt schnuppern", die Digitalisierung stehe und falle aber mit verbindlichen technischen Standards. Es gelte daher, den Markt zu beobachten, "aber nicht zu vorschnell agieren". (APA)

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    Neuer ORF-Technikchef Andi Gall

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