Experten warnen vor Anschlagswelle in Serbien

13. März 2002, 13:58
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Zahl "potenzieller Terroristen" auf 30.000 geschätzt - Auch UCK könnte wieder aktiv werden

Belgrad - Belgrader Kriminalbeamten warnen vor einer Welle von Anschlägen in Serbien, sollte der von Ministerpräsident Zoran Djindjic angekündigte Kampf gegen die Organisierte Kriminalität intensiviert werden. Der serbische Ministerpräsident hatte in der Vorwoche erklärt, dass den Behörden 50 der größten Unterweltbosse und ihre Kontakte zu Beamten und Politikern auf verschiedenen Ebenen bekannt seien. Die Aussage des Ministerpräsidenten führte zu einem Streit mit Innenminister Dusan Mihajlovic geführt, dem es bisher nicht gelungen ist, einen einzigen der spektakulären Mordanschläge, die sich auch nach der Ära von Slobodan Milosevic fortgesetzt hatten, aufzuklären. Der Innenminister ließ sich zuerst beurlauben.

Bombenanschlag nach wie vor nicht aufgeklärt

Ein Bombenanschlag auf den Sitz der Demokratischen Partei Serbiens (von Vojislav Kostunica) vor zwei Wochen wurde nicht aufgeklärt. Nach wie vor sind auch die Motive der Angreifer unbekannt. Der Direktor des Belgrader Institutes für kriminologische Studien, Dobrivoje Radovanovic, und der Analytiker Bojan Dimitrijevic vertraten gegenüber der Wochenzeitschrift "Nedeljni telegraf" die Ansicht, dass das Organisierte Verbrechen zwecks Sicherung ihrer Machtposition terroristische Anschläge verüben könnten. Radovanovic vertrat die Ansicht, dass die Organisierte Kriminalität in Serbien dabei sei, sich auf nationaler und ideologischer Grundlage zu organisieren. "Dies wird auch durch den Imageanstieg (des früheren Präsidenten) Slobodan Milosevic begünstigt", sagte Radovanovic gegenüber der Wochenzeitschrift.

Mögliche Festnahme von Karadzic und Mladic als "kritischer Punkt"

Der kritische Punkt für größere Zwischenfälle könnte nach Ansicht von Dimitrijevic höchstwahrscheinlich nicht mit einer möglichen Festnahme der ehemaligen bosnisch-serbischen Führer, Radovan Karadzic und Ratko Mladic, die wegen Kriegsverbrechen angeklagt sind, zusammenhängen, sondern der Augenblick sein, wenn von den Behörden eine seriöse Abrechnung mit der Organisierten Kriminalität aufgenommen wird.

Die Wochenzeitschrift berichtet, dass nicht nur Politiker zu Opfern von Terroranschlägen werden dürfen, sondern auch Familienmitglieder von Beschützern mutmaßlicher Kriegsverbrecher. In diesem Zusammenhang erwähnt die Zeitschrift ein bisher kaum bekanntes Ereignis. In der Belgrader Badeanstalt an der Save-Insel Ada Ciganlija waren im Jahre 1994 die Gattin und der Sohn eines Bodyguard des damaligen bosnisch-serbischen Militärführers Ratko Mladic auf ungeklärte Weise ertrunken.

30.000 potentielle Terroristen

Die Zahl potenzieller Terroristen in Serbien dürfte sich nach Ansicht eines weiteren Gesprächspartners von "Nedeljni telegraf", des Analytikers Tomislav Kresovic, auf rund 30.000 Mann belaufen. Dazu werden 15.000 Angehörige bestehender Mafiaorganisationen, ferner zwischen 5.000 und 9.000 Beschäftigte in verschiedenen Bodyguarddiensten, rund 3.000 frühere Polizei- und Militärangehörige, ferner etwa 6.000 Angehörige der inzwischen offiziell aufgelösten Milizen, aber auch etwa 1.000 Angehörige der "Albanischen Befreiungsarmee (UCK) und der El Kaida im Süden Serbiens", berichtet die Zeitschrift.

Der Lehrbeauftragte an der Belgrader Fakultät für Zivilverteidigung, Zoran Dragisic, meint, dass die UCK mit Terroraktionen in größeren Städten Serbiens schon im Frühjahr beginnen dürfte, sollten die Forderungen nach Unabhängigkeit des Kosovo von der internationalen Staatengemeinschaft weiterhin zurückgewiesen werden.(APA)

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