Neun Jahre wegen neun Sekunden

14. März 2002, 06:37
4 Postings

Richard Lugner darf endlich seine Brücke über den Gürtel bauen

Wien - Ein Sohn, ein Haus, ein Baum? Richard Lugner kann mehr: Söhne und Häuser sind verbürgt, Bäume wahrscheinlich. Dann gäbe es noch (unter anderem): Eine "Tschacki", ein Mausi, die Spaßgarantie zum Opernball, eine Partei, eine Bundespräsidentschaftskandidatur, eine Moschee und ein Kinocenter (in Bau). Jetzt kommt die Brücke. Die Vollendung einer baumeisterlichen Existenz.

Seit 1993 versucht der Baumeister der Stadt die Brücke zu schenken

Obwohl: Die Brücke trug Lugner lange in und - wie das so seine Art ist - um sich. Seit 1993 versucht der Baumeister sie der Stadt zu schenken. Nun endlich ist Letztere mürbe geworden. Obwohl, wie Rudolfsheims Bezirksvorsteher Rolf Huber (SP) Mittwochmorgen im Mausi-Markt (wo sonst?) zugeben musste, "viele Leute lange darüber nachgedacht haben, warum das nicht gehen kann", gingen Planern, einigen Architektur-Lobbyisten und der Politik schlussendlich die Argumente aus: Warum soll einer wie Lugner nicht zwei Millionen Euro hinlegen dürfen, um die Querung des Gürtels bei der Burggasse stadtauswärts länger als neun Sekunden zu ermöglichen?

So lange dauert hier nämlich die Grünphase für Fußgänger. Egal, ob die nun in die Lugnercity wollen oder nicht. Neun Jahre Klinkenputzen, seufzte der Baumeister, haben nun ein Ende: Die Baubewilligung ist da. Die Brücke kann kommen. Aus Glas. An zwei Seilen aus der Lugnercity hängend. Im Herbst 2003 - gleichzeitig mit dem Kinocenter - soll sie fertig sein.

Der Haken: Rollstuhlfahrer müssen weiter die Neun-Sekunden-Ampel nehmen

Einziger Haken: Rollstuhlfahrer müssen weiter die Neun-Sekunden-Ampel nehmen. Obwohl sie meist ohnehin anderswo den Gürtel queren: "Der Behindertenlift aus der U-Bahn ist am anderen Ende der Station", rechtfertigt sich der Baumeister.

Ansonsten, so Lugner, sei die Brücke aber für alle - auch reine Passanten und Nicht-Lugner-Kunden - da. Auch wenn sie eigentlich "Steg" heißt: "Lugnersteg". Das klingt bescheidener. Beinahe. (Thomas Rottenberg, DER STANDARD Print-Ausgabe 14.März.2002)

Share if you care.