Kritik an Schweizer Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs

12. März 2002, 20:44
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"Arbeitskreis Gelebte Geschichte" stellt Buch "Erpresste Schweiz" vor

Bern - Der Schweizer "Arbeitskreis Gelebte Gesichte" (AGG) kritisiert das Verhalten von Bundesrat (Regierung), Medien und der sogenannten Bergier-Kommission bei der Aufarbeitung der Schweizer Weltkriegs-Geschichte. Er fordert eine Korrektur insbesondere der Flüchtlings- und Raubgold-Berichte. Knapp zwei Wochen vor der Veröffentlichung des Schlussberichtes der Bergier-Kommission legte die AGG am Dienstag in Bern ihre Publikation "Erpresste Schweiz" vor, die dem verstorbenen Politiker und Ex-Minister Jean-Pascal Delamuraz gewidmet ist.

In dieser Gemeinschaftsarbeit setzen sich 21 Zeitzeugen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Diplomatie und Armee kritisch mit der Geschichtsschreibung der Bergier-Kommission zur Untersuchung der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg, aber auch mit dem Verhalten des Bundesrates gegenüber dem "Publizitätskrieg" aus den USA auseinander. Im wesentlichen werden die bereits bekannten Kritikpunkte der AGG sowie von Politikern und Historikern zusammengefasst. Der Jüdische Weltkongress habe mit Unterstützung der Clinton-Regierung die Schweiz mit Verleumdungen, Sammelklagen und Boykottdrohungen erpresst und gedemütigt. Der verunsicherte Bundesrat habe gegenüber diesen Attacken viel zu spät, zu unentschlossen, zu unterwürfig gehandelt.

"Der gutschweizerische Hang zur Selbstzerfleischung und Selbstverhöhnung in den Kreisen der Medienleute, linker Politiker und Intellektueller lieferte zudem dem Gegner in den USA immer wieder Munition für neue Anschuldigungen, womit die Krise noch verstärkt wurde", kritisiert das Buch. Die Bergier-Kommission habe das Bild einer geldgierigen, herzlosen, nazifreundlichen und antisemitischen Schweiz gezeichnet. Sie habe die Zeitzeugen zu wenig berücksichtigt und keine Gesamtschau der Gefährdunglage der Schweiz im Zweiten Weltkrieg geliefert. Die AGG-Schrift enthält zahlreiche Zitate aus Büchern und Artikeln, die die Schweiz von den Vorwürfen entlasten - vor allem im Bereich Flüchtlingspolitik.

In den Arbeiten der Bergier-Kommission erkenne man "die Ideologie der Alt-68er ebenso wie die unerbittliche Strenge des Moralisten, die Allüre des Großinquisitors, des Rassismus oder die Arroganz des heimatlosen Intellektuellen". Ihren ursprünglichen Auftrag von Bundesrat und Parlament habe die Kommission nicht erfüllt. "Es darf nicht sein, dass sowohl bei der jüngeren Generation in der Schweiz als auch weltweit aufgrund der einseitigen Bergierberichte und der selbstzerstörerischen Tendenzen der Massenmediden der Eindruck einer geldgierigen und selbstsüchtigen Schweiz zur Zeit des Zweiten Weltkrieges zementiert wird", schreibt die AGG.

Im Schlussbericht müssten daher die "unhaltbaren Darstellungen" der Gold- und Flüchtlingberichte korrigiert werden. Eine klare Stellungnahme des Bundesrates und des Parlaments zu den Bergier-Berichten sei dringend nötig. Die von der Kommission benutzten Akten sollten für die Forschung zugänglich bleiben. (APA)

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