USA: Atomterroristen mit Minisensoren jagen

12. März 2002, 20:12
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Westentaschengeräte sollen Nuklearanschlägen zuvorkommen

Wien/Washington/New York - Die US-Regierung hat, wie kürzlich bekannt wurde, weltweit hochempfindliche Strahlenmessgeräte installiert, um sich gegen nukleare Terroranschläge zu schützen. Die Sensoren stehen an strategischen Punkten in und um Washington, entlang der Tausende Kilometer langen Grenzen im Süden und Norden. Und sie standen bei den Olympischen Spielen Wache.

Die Sicherheitskräfte nutzen so genannte Gammastrahlen- und Neutronenflussdetektoren, einige klein wie Zigarettenschachteln, die auf Halbleitertechnologie basieren. Damit lassen sich Gammastrahlen aufspüren, wie sie viele radioaktive Materialien abgeben: abgebrannte Kernbrennstäbe, Kobalt 60 oder der Cäsium 137, Stoffe, über die das Terrornetz Al-Qa'ida verfügen soll.

Aus ihnen lässt sich keine Nuklearwaffe bauen, doch reichen sie für eine so genannte schmutzige Bombe: strahlendes Material vermischt mit konventionellem Sprengstoff zur Verseuchung ganzer Stadtviertel. Mit Blei, Eisen oder Beton lässt sich Gammastrahlung allerdings abschirmen. Kaum zu verstecken sind Neutronen, wie sie atombombenfähiges Plutonium abgibt.

Uran, gut versteckt

Nur bei hochangereichertem Uran, das sich auch zur Herstellung einer Nuklearwaffe eignet, ist die Lage prekär: Es strahlt kaum Neutronen ab, außerdem sind seine Gammastrahlen leicht zu verdecken.

US-Präsident George Bush hat daher letztes Jahr den Eilauftrag gegeben, die Detektoren weiterzuentwickeln. Experten sehen da Spielraum für Neuerungen: "Herkömmliche Sensoren stellen verlässliche Arbeitspferde dar, die sich in naher Zukunft in kleinen Schritten verbessern lassen", sagt George Anzelon von der Internationalen Atomenergieorganisation in Wien.

Der große Nachteil der derzeit gebräuchlichen Spektrometer ist deren Passivität: Deshalb arbeiten Forscher daran, verdächtige Objekte aktiv mit Gamma- oder Neutronenstrahlen abzutasten. Das getroffene Material sendet ein charakteristisches Strahlenmuster zurück und verrät so, ob etwa ein Koffer gefährliche Waffen birgt. Bleiplatten durchdringt ein solches System zwar nicht, aber es legt den Tarnungsversuch offen.

Die Geräte verfügen allerdings über keine große Reichweite. Spätestens nach zweihundert Metern ist Schluss. Deshalb entwickeln Forscher seit Jahrzehnten ein Fernerkundungssystem, das mit Laser arbeitet. Seine Lichtwellen lassen sich so abstimmen, dass sie von der radioaktiven Strahlung ionisierte Luftmoleküle entdecken. Ein Aufklärungsflugzeug könnte so ein großes Gebiet überwachen. Bis dieses System einsatzreif ist, muss noch manche Hürde überwunden werden.

Sensoren allein verhindern einen Anschlag natürlich nicht. Sprechen die Detektoren etwa auf einen großen Lastkahn auf dem Fluss Potomac an, der gen Washington schippert, wird das Nuclear Emergency Search Team des US-Energieministeriums benachrichtigt. Seine Leute allein richten womöglich nicht viel aus - die Gruppe setzt sich aus Wissenschaftern und Technikern zusammen. Washington hat ihnen deshalb die Eliteeinheit "Delta Force" zur Seite gestellt, die sich, wenn nötig, des Schiffs mit Gewalt bemächtigt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.3.2002)

Von STANDARD-Mitarbeiter Hubertus Breuer
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