Frankreich probt den Babyboom

12. März 2002, 19:03
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Gründe: Weniger Arbeitslosigkeit, Jobs für Frauen, 35-Stunden-Woche, Kinderbetreuung

Windelhersteller haben es gut in Frankreich. Sie durften im vergangenen Jahr 774.800 Säuglinge einkleiden. So viele kleine Franzosen erblickten nämlich 2001 das Licht der Welt. Schon 2000 war ein Rekordjahr. "Eine derartige Häufung der Geburten hat es seit zwanzig Jahren nicht mehr gegeben", meint der "Rat für Wirtschaftsanalysen" (Conseil d'Analyse Economique, CAE) in einer soeben erschienenen Studie. Die Statistiker rechneten aus, dass eine Französin heute im Schnitt 1,9 Kinder hat. Vor fünf Jahren lag der Wert noch bei 1,73. Ein Hauptgrund ist nach CAE-Ansicht der seit fünf Jahren registrierte Rückgang der Arbeitslosigkeit: Viele Paare holen ihren Kinderwunsch nun nach. Zumal die vor zwei Jahren eingeführte 35-Stunden-Woche den Erwerbstätigen mehr Freizeit gibt. Weniger wichtig scheint nach Expertenansicht das Ausmaß der Familienhilfe zu sein.

Berufstätige Mütter

Ausschlaggebender ist offenbar die Einstellung der Gesellschaft. Alleinerziehende Mutter zu sein, ist kein Problem. Im vergangenen Jahr stammte fast jedes zweite Neugeborene von einer unverheirateten Frau. Zudem ist es in Frankreich durchaus anerkannt, Mutter und gleichzeitig berufstätig zu sein. Von den Französinnen, die zwei Kinder haben, arbeiten zum Beispiel über 70 Prozent - das sind fast so viele wie bei den kinderlosen Frauen.

Entsprechend zahlreich sind in Frankreich Kinderkrippen, Vor- und Ganztagsschulen. In die "Ecole maternelle", den Kindergarten, geht man normalerweise mit drei Jahren, doch sehr viele Eltern schicken heute bereits ihr zweijähriges Kind dorthin. Die elegante Pariserin, die dank 35-Stunden-Woche schon um 16 Uhr ihr Büro verlässt, im Kleinwagen zur Krippe rast und dort, meist noch ein Handy am Ohr, ihr Kind in die Arme schließt, gehört längst zum Stadtbild. Immer mehr Mütter können sich zudem Ganztages-Babysitterinnen leisten. "C'est normal", finden Franzosen. Was die Geburtenfreudigkeit anbelangt, kommt der CAE sogar zum erstaunlichen Schluss: Je mehr Frauen berufstätig sind, desto mehr Kinder kommen zur Welt.

Soziologen führen als weiteren Grund für den Babyboom einen Mentalitätswechsel an: Nach der "Frauenbefreiung" der 68er-Generation und dem Geldscheffeln der goldenen Achtziger seien die heute Zwanzigjährigen in Frankreich wieder besonders empfänglich für familiäre Werte. Innendekorateure und Bastelläden sind gefragt. Und schließlich erhöhte, so meinen die Spezialisten, auch der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft in Frankreich Lebensoptimismus und somit Zeugungsfreudigkeit: Ein wenig Chauvinismus ist für Franzosen so gesund wie Kindermachen. N'est-ce pas? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.3.2002)

Von STANDARD-Korrespondent Stefan Brändle aus Paris
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