Sexuelle Unlust bei beiden Geschlechtern

12. März 2002, 19:02
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Doppelbelastung für die Frauen, Rollenunsicherheit der Männer. Brigitte Cizek, Chefin des Instituts für Familienforschung, im STANDARD-Interview

Sexuelle Unlust bei beiden Geschlechtern Doppelbelastung für die Frauen, Rollenunsicherheit der Männer: Beides sind Lustkiller - und somit weitere Gründe für sinkende Kinder-zahlen, sagt Brigitte Cizek, Chefin des Instituts für Familienforschung. Mit ihr sprach Martina Salomon.

Standard: Was sind die Gründe für den Geburtenrückgang? Cizek: Das ist multikausal zu sehen. Die Einführung von Kinderbetreuungsgeld allein wird die Kinderzahl nicht erhöhen. Die Bevölkerung braucht Stabilität, eine sichere Weltlage. Aber es wird immer alles nur politisch, nie auf der Paarebene diskutiert. Als Psychologin beobachte ich, dass mangelnde Zeit füreinander Kommunikationsbarrieren entstehen lässt. Das geht bis zur Sexualität. Die führende Sexualstörung ist heute die sexuelle Unlust - und das ist auch ein Hindernis fürs Kinderkriegen.

STANDARD: Unlust bei beiden Geschlechtern?

Cizek: Ja. Unsicherheit durch veränderte Rollenbilder: Das trifft vor allem die Männer. Bei der Frau spielt Doppelbelastung eine Rolle. Wie oft hört man von Müttern in der Beratungsstelle: Bei uns daheim geht ja alles ganz gut, aber wenn das Kind krank ist, hängt wieder alles an mir.

STANDARD: Muss es auch für Männer mehr Möglichkeiten geben, sich an der Kindererziehung zu beteiligen?

Cizek: Wir müssen schon vorher ansetzen. Wer sitzt bei den Elternbildungsabenden? Die Frauen natürlich!

STANDARD: Was könnte die Wirtschaft beitragen? Cizek: Man muss sich aktiv bemühen, dass auch Männer in Karenz gehen können, der Posten aber erhalten bleibt.

STANDARD: Und die Schule?

Cizek: Selbst Schulen, die eine Nachmittagsbetreuung anbieten, sehen es nicht als ihre Aufgabe, die Hausübungen der Kinder zu kontrollieren. Da sind wir wieder bei der sexuellen Unlust: Die Frau arbeitet, muss vielleicht abends noch kochen, sich dann hinsetzen und mit dem Kind die Hausübung machen, während der Mann spät heimkommt, weil seine Firma kein Verständnis für Eltern hat. Da fragt man sich schon, wie es noch zu einer entspannten Sexualität kommen soll!

STANDARD: Ist Kinderlosigkeit eine Folge von Wohlstand?

Cizek: Ich würde eher sagen, man verschiebt das Kinderkriegen auf später. Scheinbar ist dann nie der richtige Zeitpunkt. Wenn die Vereinbarkeitsfrage von Firmen stärker unterstützt würde, dann wäre der Anreiz höher, Kinder zu bekommen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.3.2002)

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