Das Verschwinden der Kinder

12. März 2002, 19:05
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Die Einwohnerzahl in der EU schrumpft - gemeinsam mit den geburtenschwachen Erweiterungskandidaten sogar noch früher

"Babyalarm", "Die Alten-Republik", "Vom Babyboom zum Babycrash" - solche Titel finden sich schon seit geraumer Zeit in den Medien westeuropäischer Länder. Die Zahl der Kinder schrumpft seit den Neunzigerjahren aber auch in Ostmitteleuropa - und liegt dort mittlerweile bereits unter dem EU-Schnitt.

Genau deshalb ist es unwahrscheinlich, dass künftig große Migrantenströme aus dem früheren "Ostblock" zu erwarten sind. Im Gegenteil: In zehn bis 15 Jahren werden auch viele dieser Länder Arbeitskräfte außerhalb ihrer eigenen Staatsgrenzen suchen. Das war Tenor einer Veranstaltung des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM) am Dienstag in Wien.

Innerhalb der jetzigen EU-Länder wird sich die Bevölkerungszahl ab 2023 verringern. Zählt man die ("geburtenschwachen") Erweiterungskandidaten dazu, geht es sogar schon ab 2015 abwärts, wie Gerald Roßkogler, Herausgeber der neuen Studie "Geburtenrückgang in Mittel- und Osteuropa" (Böhlau) erklärte.

Koautor Rainer Münz, Bevölkerungswissenschafter an der Humboldt-Universität Berlin, rechnete vor: Deutschland und Österreich liegen mit einer Rate von rund 1,3 Kindern pro Frau über dem Fertilitätsniveau von Estland, Lettland, der Tschechischen Republik und Slowenien. In Polen beispielsweise ging die Zahl der jährlichen Geburten zwischen 1989 und 1999 von 564.000 auf 382.000 zurück. In Ungarn sinke die Geburtenrate sogar schon seit Beginn der Achtzigerjahre, berichtete die ungarische Wissenschafterin Klara Foti. Wenig überraschend werden im laufenden ungarischen Wahlkampf daher von der Opposition höhere Familienleistungen gefordert.

Auch Rumänien, das unter Diktator Ceau¸sescu (und dessen striktem Abtreibungsverbot) die höchsten Geburtenzahlen in Europa verzeichnete, befindet sich mittlerweile unter jenem Schnitt (ungefähr 2,1 Babys pro Frau), der für eine gleichbleibende Bevölkerungszahl notwendig ist.

Ein Plus haben in Europa nur mehr die Türkei, Aserbeidschan, Albanien, Mazedonien und der Kosovo. Die stärksten Geburtenrückgänge verzeichnen südeuropäische Länder wie Italien oder Spanien. Dort, wo es besonders schlechte Vereinbarkeit für Familie und Beruf für Frauen gebe, wie Münz anmerkt. "Es geht nicht um die Höhe der Transferleistungen. Es geht um ein eigenes Erwerbseinkommen für Frauen unter marktwirtschaftlichen Bedingungen. Und um qualifizierte Kinderbetreuung, die nicht gratis sein muss." Beides führten Skandinavien oder auch Frankreich (siehe Bericht unten) erfolgreich vor.

Fest steht - so der Forscher -, dass ab 2008 in Österreich weniger Inländer neu auf den Arbeitsmarkt gelangen. "Die Zuwanderer, die wir brauchen, werden wir aber nicht mehr aus Ostmitteleuropa bekommen." Er verstehe nicht, warum Österreich eine restriktive Zuwanderungspolitik betreibe. Letztlich bleibe ohnehin nur ein Bündel unbeliebter Maßnahmen: länger und/oder mehr arbeiten, niedrigere Pensionen, höhere Beiträge und/oder mehr Zuwanderung. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.3.2002)

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