Auf Lucianos Spur . . .

12. März 2002, 21:57
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Sechs Monate nach ihrer Gründung zeigt sich Wiens Opernschule auf der Bühne: am Mittwoch mit "La Bohème"

Seit September 2001 existiert die Opernschule der Wiener Staatsoper im Hanuschhof, wo fast 50 Kinder dreimal in der Woche ihren Unterricht absolvieren. Am Mittwoch bestreiten sie im Haus am Ring ihren ersten Bühnenauftritt in "La Bohème".

Wien – Es summt wie in einem Bienenstock. Buben und Mädchen im Alter zwischen acht und neun Jahren umschwärmen einen Konzertflügel und proben mit ihrem Lehrer Conrad Artmüller Passagen aus La Bohème. "Warum klingt das so nach Klosterschule?", fragt er und animiert zu mehr Leidenschaft. Den kleinen Gianluca, der ein kurzes Solo übt, zieht er freundschaftlich an der Hand, provoziert seinen Widerstand – und schon tönt es größer, mutiger.

Eines der Mädchen hat zum Stimmbildungsunterricht ihren Stoffhasen mitgebracht und stopft ihn sich beim Singen unter den Pullover, damit sie aussieht wie eine "richtige Dame". Eine andere posiert vor dem Spiegel, kontrolliert die Wirkung ihres Ausdrucks und dreht sich auf den Zehenspitzen. "Sich bewegen und dabei singen ist auch für Profis schwer", sagt Ernst Dunshirn, Lehrer und Chordirektor der Staatsoper. "Diese Idee ist ja nicht erst in Wien geboren worden. Die Mailänder Scala bildet schon lange Kinderstimmen aus. So genannte 'voci bianci' braucht man eben bei Carmen, Zauberflöte, Tosca", erklärt der künstlerische Leiter der Opernschule, Marco Ozbic.

Ziel der dreijährigen Ausbildung in Gehörbildung, Stimmbildung, Chor, Sologesang und Bewegung ist es, Mädchen und Buben in Opernproduktionen einzubinden. Zuvor müssen die Kinder aber eine Aufnahmeprüfung bestehen. Beim nächsten Vorsingen, das zwischen 23. und 27. April stattfindet, werden 25 Stimmen ausgewählt. "Es ist schon erstaunlich, dass viele Kinder gar keine bekannten Volkslieder mehr vorsingen, sondern Falco oder einen anderen Star imitieren", sagt Dunshirn.

"Ich hab' einfach Alle meine Entlein vorgetragen", erzählt Anna, "und außerdem war es abzusehen, dass ich die Prüfung bestehe! Schließlich ist mein Vater Dirigent und meine Mutter Geigerin. Ich möchte auf jeden Fall eine berühmte Sängerin werden." Dass das nicht gelingen könnte, können sich die Kinder, die dreimal in der Woche für zwei Stunden am Nachmittag in die Opernschule kommen, nicht vorstellen. Der achtjährige Amer aus Bosnien sagt: "Ich werde so erfolgreich wie Luciano Pavarotti!"

Ziemlich viel Stress

Schon jetzt verbringen diese Kinder einen großen Teil ihrer Freizeit in der Oper. "Der Arzt meint, dass ich Stresshusten habe", sagt Anna und lacht. Natürlich bedeutet die Kinderoper nicht nur Spiel, sondern vor allem Arbeit. "Aber wie sonst auch im Leben lernen die Kinder hier, mit Misserfolg umzugehen. Nicht jeder bleibt auf der Schule und erfüllt die Anforderungen", sagt Marco Ozbic.

Die Auswahl? "Es fällt uns nicht leicht, gleich beim Probesingen eine Entscheidung zu treffen. Viele Kinder sind begabt und halten dann doch nicht durch. Andere, die man beim ersten Mal gar nicht so bemerkt hat, entwickeln sich hervorragend", erklärt Peter Rille, der administrative Leiter der Opernschule.

Die Kinder schnuppern Theaterluft. Sie bewegen sich auf Probebühnen, in Balletträumen, zwischen Kostümen und Requisiten. Sie genießen den Luxus, mit guten Pädagogen und Stars zusammenzukommen. Musiktheater ist für sie nicht eine verstaubte Angelegenheit der Erwachsenen, sondern Realität.

Für Staatsoperndirektor Ioan Holender hat diese Opernschule zunächst ganz praktische Gründe. Er schafft mit seiner Institution so etwas wie Corporate Identity und ist nicht länger auf den Chor der Wiener Sängerknaben angewiesen. "Zurzeit kostet ein Sängerknabe zwischen 220 und 580 Euro pro Auftritt", erklärt Holender. Mit den Kindern der Opernschule erübrigen sich also in Zukunft solche Unkosten.

Im Gegenteil. Ein kleiner Beitrag fließt der Oper aus den Geldern zu, die die Eltern für ihre Kinder zur Ausbildung einzahlen müssen: 15 Euro pro Unterrichtsmonat – für die Hoffnung, einmal ganz groß rauszukommen. Höhenflüge und Abstürze eingerechnet ...
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 3. 2002)

Von Katrin Mackowski

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