Schulfunktheater in "Kopenhagen"

12. März 2002, 22:05
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Physiker, verunsichert in der Drachengasse

Wien - Seit Februar spuken die Geister der Physiker Nils Bohr (DN) und Werner Heisenberg (D) durch die deutschen Medien. Nun sind sie vorübergehend in der Wiener Drachengasse gelandet. Hans-Peter Kellner inszenierte dort das Dreipersonenstück Kopenhagen, in welchem der ehemalige Observer-Journalist Michael Frayn über ein ebenso historisches wie ungeklärtes Treffen nachdachte: 1941, als der letzte große in Deutschland verbliebene Physiker Werner Heisenberg seinen geliebten Lehrer Nils Bohr im besetzten Dänemark besuchte. Warum besuchte er ihn?

Seit der Uraufführung des Stückes in London 1998 wurden schon drei Konferenzen abgehalten, um es immer noch nicht herauszufinden. Erzählte Heisenberg seinem ehemaligen Mentor vom deutschen Kernspaltungsprojekt, wollte er ihn gar zur Kollaboration einladen, oder wollte er im Gegenteil eine weltweite Allianz der Physiker gegen die Entwicklung der Atomwaffe initiieren? Zuletzt entschieden sich die Bohr-Erben im Jänner, einen Brief, den Nils Bohr 1957 an Heisenberg geschrieben, aber nicht abgeschickt hatte, zu veröffentlichen. Im Brief glaubt sich Bohr zwar eindeutig daran zu erinnern, dass Heisenberg ihm vom Atomprogramm gesprochen habe, aber:

Schon bezüglich des Ortes, wo das gewesen sein soll, gehen die Erinnerungen beider auseinander: War es in Bohrs Haus, in Bohrs Institut oder doch, wie Heisenberg sich deutlich erinnerte, auf einem (aus Angst vor Abhöranlagen) unternommenen Spaziergang? Wirklich eindeutig ist vorläufig nur: Drachengasse. Da spielt Eduard Wildner einen sehr souveränen Bohr, Uwe Achilles einen jugendlicheren, unsicheren Heisenberg und Cornelia Köndgen eine Bohr-Ehefrau, die bissig Heisenbergs Unschärfen herausstellt.

In der Quantenphysik - so viel wird im Stück im Schnell-kurs mitgeteilt - resultiert unüberwindliche Unschärfe daraus, dass der Beobachter das Beobachtete zwangsläufig beeinflusst. Er kann nie das Objekt messen, sondern muss immer erst den eigenen Einfluss aus seinen Daten herausrechnen. Das würde das Ungeklärte fast erklären. Und das Stück auch neben den Dokumenten bestehen lassen:

Die Aufführung betont Gefühle von Abstoßung und Nähe; sie zeigt einen unsicheren Großphysiker aus der Besatzungsmacht Deutschland, der das Gespräch sucht. Und Wutausbrüche hervorruft. Weil er nicht bemerken will, dass der Krieg die Macht auch im Persönlichen verschoben hat. Diese Ebene ist schön, weniger sind es die Elemente des Schulfunks in Michael Frayns Stück ("Was Sie schon immer über Atomphysik wissen wollten, aber noch nie zu fragen wagten"). Aber: Der Abend lässt die Fragen wieder schön offen. Warum treffen einander Menschen? Warum geht man ins Theater?
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 3. 2002)

Von
Richard Reichensperger


WEB-TIPP:

drachengasse.at

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