Gesundheit für Besserverdiener

13. März 2002, 13:14
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Ambulanzgebühr lässt sozial Schwache auf ärztliche Hilfe verzichten

Wien - Die Symptome sind alarmierend: "Die Ambulanzgebühren führen wohl zu einer sozialen Selektion der Ambulanzbesuche." Patienten mit niedrigem Einkommen verzichten offenbar auf die Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen, denn Lenkungseffekt hin zu Facharztpraxen ist bisher "keiner wahrnehmbar".

Zu diesem Ergebnis kommt die erste genaue Analyse der Auswirkungen der Ambulanzgebühr seit ihrer Einführung (April bis Dezember 2001), die der Verwaltungsdirektor der Universitätsklinik Innsbruck, Max Laimböck, für sein Haus durchgeführt hat.

Der Volkswirt fand heraus, dass die Besuche in der Frauenambulanz, die zu 50 Prozent von Nichtösterreicherinnen mit oft niedrigem Einkommen frequentiert wird, 2001 stark zurückgegangen sind - und zwar um 5,6 Prozent - was bei einem Zuwachs von 9,6 Prozent im Jahr davor Anlass für gesundheitspolitisch problematische Vermutungen gibt: Da die Ausgaben der Gebietskrankenkasse für niedergelassene Ärzte nicht vergleichbar gestiegen sind, haben viele dieser Patientinnen vermutlich auf medizinische Versorgung verzichtet.

Ärzte der Psychiatrischen und Psychosomatischen Ambulanz berichteten, so Laimböck zum Standard, dass Patienten wegen der Gebühr (18,17 Euro ohne, 10,90 Euro mit Überweisungsschein) Kontrolltermine eher ausfallen lassen - und stattdessen verstärkt auf "Telefontherapie" ausweichen und so medizinische Auskünfte einholen.

Insgesamt ging die Zahl der Ambulanzbesuche im ersten Halbjahr 2001 zwar im Vergleich zu 2000 leicht (rund 2,3 Prozent) zurück, was Laimböck durch übervorsichtige, verunsicherte Patienten erklärt. Denn im zweiten Halbjahr verpuffte dieser Effekt und alles war beim Alten. Das bestätigt auch das von der Wiener Gebietskrankenkasse betriebene Hanusch-Spital.

Spezialgebührenpflicht

Auffällig ist, so Laimböck, dass Besuche in Spezialambulanzen mit Diensten, die es im niedergelassenen Bereich nicht gibt, stark zugenommen haben (+5,9 Prozent).

"Nicht nachvollziehbar" ist die Ambulanzgebühr für den Gynäkologen Sepp Leodolter von der Uniklinik für Frauenheilkunde am Wiener AKH: "Ich habe ein großes Problem damit, dass in Spezialambulanzen für Behandlungen, die im niedergelassenen Bereich nicht angeboten werden, bezahlt werden muss." Die Ambulanzgebühr "kann nicht regulierend sein, wenn es keine Alternativen gibt", sagt Leodolter. Vielmehr sei die Gebühr "besonders kontraproduktiv", wenn Krebspatienten für notwendige Nachuntersuchungen auch "noch zur Kasse gebeten werden" - und lieber nicht hingehen. Dann sei die Ambulanzgebühr nicht nur ein "zutiefst unsoziales Hemmnis", sondern gesundheitspolitisch problematisch.

Besonders dramatische Fälle beobachtete die Leiterin der Psychotherapeutischen Ambulanz im AKH Wien, Marianne Springer-Kremser. Für Patientinnen, die dringend eine Psychotherapie gebraucht hätten, war die Ambulanzgebühr nachgerade "ein willkommener Anlass", die gebotene Psychotherapie abzulehnen. Springer-Kremser fordert dringend eine Gebührenbefreiung für die (zudem stigmatisierte) Patientengruppe. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 12.3.2002)

Die erste genaue Analyse der Auswirkungen der Ambulanzgebühr am Beispiel der Uniklinik Innsbruck zeigt bedenkliche Effekte: Sozial Schwache verzichten offenbar wegen der Gebühr auf medizinische Behandlung. Ein Lenkungseffekt ist aber nicht wahrnehmbar - Lisa Nimmervoll
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