Identität, Freiheit und Rollenfindung

12. März 2002, 14:00
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"A Rose Blooms in the Garden of Sorrows": Kutlug Ataman zeigt Frauen, die die Rollenzuschreibungen der männerdominierten türkischen Gesellschaft übertreten haben

Wien - Unter dem Titel "A Rose Blooms in the Garden of Sorrows" zeigt die BAWAG Foundation in Wien ab Mittwoch erstmals in Österreich Arbeiten des türkischen Künstlers und Filmemachers Kutlug Ataman. Zu sehen sind drei Videoinstallationen aus den vergangenen fünf Jahren über Frauen, die auf individuelle Art und Weise Grenzen und Rollenzuschreibungen der männerdominierten türkischen Gesellschaft übertreten haben. Die Ausstellung präsentiert zugleich erstmals mehrere Arbeiten des Künstlers im Zusammenhang.

Ataman, 1961 in Istanbul geboren, begann seine Karriere als Filmemacher. Sein erster Spielfilm "The serpent's tale" (1993) gilt als Beginn des jungen türkischen Films, breiter bekannt wurde er mit dem Streifen "Lola + Bilidikid" (1999), einer Liebesgeschichte im Transvestitenmilieu. Mitte der 90er Jahre begann Ataman mit Videoinstallationen zu arbeiten und wechselte in den Kunstkontext.

Im Video

Um Identität, Freiheit und Rollenfindung geht es auch in den drei in der BAWAG Foundation gezeigten Videoarbeiten, die zwischen Realität und Fiktion angesiedelt sind und formal mit dem Genre des Dokumentarfilms spielen. So erzählt in "Never My Soul" (2001) eine transsexuelle türkische Prostituierte und Dialysepatientin aus ihrem Leben, indem sie in die Rolle eines fiktiven türkischen Kinostars schlüpft, um sich selbst zu spielen. Das Video, das mit verschiedenen Ausschnitten auf sechs Bildschirmen in sechs verschiedenen Räumen gleichzeitig läuft und heuer auch auf der Biennale Sao Paolo zu sehen sein wird, spielt mit der Melodramatik alter türkischer Filme. Der Titel zitiert das Klischee des reinen Mädchens, das zu ihrem Vergewaltiger sagt "Du kannst meinen Körper haben, aber niemals meine Seele".

"Women Who Wear Wigs" (1999) zeigt, parallel auf vier Leinwänden, vier türkische Frauen, die aus unterschiedlichen Gründen eine Perücke tragen. Eine davon hält sich seit 30 Jahren versteckt, weil sie verdächtigt wird eine Terroristin zu sein, die zweite ist eine bekannte Journalistin, die nach einer Chemotherapie ihre Haare verloren hat. Die dritte ist eine bekennende Muslimin, für die die Perücke das an der Universität verbotene Kopftuch ersetzt, und die vierte eine transsexuelle Prostituierte, der die Polizei jedes Mal, wenn sie verhaftet wird, die Haare schert.

Echtzeit-Interview

Das wohl exotischste Gewächs in Atamans Sorgengarten ist die türkische Operndiva Semiha Berksoy, die in "Semiha b. unplugged" (1997), einem siebeneinhalbstündigen Echtzeit-Interview mit der heute 92-Jährigen, die Dramen ihres Lebens mit den Charakteren berühmter Opernfiguren vermischt. Die Sängerin, Schauspielerin und Malerin war Zeugin des Wandels der Türkei in einen modernen Staat und hat u.a. auch für den Gründer der Republik Mustafa Kemal Atatürk gesungen. Als Femme Fatale mit Federboa über der Unterwäsche gibt sie vom Bett aus ihren schrillen persönlichen Kommentar zur offiziellen Geschichtsschreibung. Nachdem das Drehbuch zum Film ein Bestseller wurde, darf diese Arbeit nun auch in Istanbul gezeigt werden. (APA)

täglich 10-18 Uhr geöffnet, Katalog 14,53 Euro, www.bawag-foundation.at, www.kutlugataman.com
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