Israelis töten 17 Palästinenser in Jebaliya

12. März 2002, 14:53
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Zinni reist in den Nahen Osten - USA rufen Europa und Araber zu gemeinsamer Nahost-Initiative auf

Jerusalem - Bei einer israelischen Militäraktion sind in der Nacht auf Dienstag im palästinensischen Flüchtlingslager Jebaliya mindestens 17 Menschen getötet worden. Etwa 75 Personen wurden verletzt, wie Krankenhausärzte berichteten. Die israelische Armee rückte mit etwa 20 Panzern in das Lager in der Nähe der Stadt Gaza ein, auch Kampfhubschrauber waren im Einsatz. Zuvor hatten Palästinenser eine jüdische Siedlung im Gazastreifen beschossen. Dabei wurde niemand verletzt. Israelische Truppen besetzten auch weite Teile von Ramallah im Westjordanland, wo der Amtssitz von Palästinenserpräsident Yasser Arafat liegt.

Bei einem Anschlag Unbekannter an einer Straßensperre nahe Jerusalem ist Dienstag Früh ein Israeli getötet worden. Nach israelischen Medienberichten eröffneten vermutlich bewaffnete Palästinenser unweit der Stadt Modiin das Feuer auf Sicherheitskräfte, die sie kontrollieren wollten. Ein weiterer Israeli wurde dabei leicht verletzt.

Soldaten 50 Meter von Arafats Büro entfernt

Ein Befehlshaber der israelischen Armee erklärte, die Soldaten in Ramallah sollten eine Mauer zwischen Israel und Terroristen im Großraum Ramallah bilden. Augenzeugen berichteten, die Panzer stünden nur 50 Meter von Arafats Büro entfernt - dort waren sie vor wenigen Tage erst abgezogen worden. Arafats Informationsminister Yasser Abed Rabbo berichtete, israelische Soldaten hätten auch das Gelände der Residenz Arafats beschossen und einen Polizisten verletzt. Im behandelnden Krankenhaus hieß es, seine Verwundung sei lebensgefährlich. Die israelische Armee nahm zu den Angaben zunächst nicht Stellung.

Welche Auswirkung die Aktion auf die Aufhebung des Hausarrests für Arafat haben könnte, war unklar. Das Büro von Ministerpräsident Ariel Sharon hatte am Montag erklärt, Arafat könne sich nach dreimonatiger Reisebeschränkung ab sofort frei im Westjordanland und im Gazastreifen bewegen.

Bei den meisten Toten in Jebaliya soll es sich um palästinensische Polizisten handeln. Auch die Zivilbevölkerung hatte Opfer zu beklagen. Dutzende Menschen, viele von ihnen im Pyjama, flüchteten aus dem Flüchtlingslager in Stadtviertel Gazas. Augenzeugen berichteten, die Soldaten hätten mehrere Häuser zerstört, darunter auch Gebäude, die von der palästinensischen Polizei benutzt worden seien. Zerstört worden sei auch eine Metall verarbeitende Fabrik. Die Israelis hätten sich schließlich zurückgezogen, ihre Panzer aber rund um das Lager in Stellung gebracht. In einer Erklärung des israelischen Militärs hieß es, Ziel der Aktion sei es gewesen, Raketen zu beschlagnahmen, Waffenfabriken zu zerstören und mutmaßliche Terroristen aufzuspüren.

Ort im Gazastreifen besetzt

Die israelische Armee hat am Dienstagmorgen auch die Ortschaft Wadi el Salka im Zentrum des Gazastreifens besetzt. Wie Einwohner berichteten, wurden sämtliche Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren über Lautsprecher aufgefordert, sich zu ergeben und sich auf einem großen Platz in der Nähe der Moschee zu versammeln. Dort wurden sie an den Händen gefesselt, und die Augen wurden ihnen verbunden.

Als Reaktion drohte Hamas-Führer Abdelaziz Rantisi Israel mit neuen Anschlägen. "Wir haben keine andere Wahl als die Besatzer zu töten", erklärte er. "Es gibt keine andere Möglichkeit, uns selbst zu verteidigen."

US-Nahostbeauftragter in der Region

Die USA haben die europäischen und arabischen Staaten zu "gemeinsamen Anstrengungen" für einen Frieden im Nahen Osten aufgerufen. Am Donnerstag wurde der amerikanische Nahost-Sonderbeauftragte Anthony Zinni in der Region erwartet. In Washington erklärte Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice, Die Lage in der Region habe sich ungeachtet des jüngsten Blutvergießens leicht gebessert. Die "Eröffnung" dazu habe die Friedensinitiative des saudiarabischen Kronprinzen Abdullah geliefert, sagte Rice weiter. Es sei richtig, aus dem Friedensprozess heraus eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und den arabischen Staaten anzustreben.

Zinni soll den Konfliktparteien den so genannten Tenet-Friedensplan vorlegen. Einzelheiten waren nicht bekannt. Aus israelischen und palästinensischen Kreisen verlautete, der Plan sehe eine sofortige Waffenruhe und die Festnahme palästinensischer Extremisten vor. Israel müsse dafür die Reisebeschränkungen für Palästinenser lockern und seine Soldaten aus Teilen des Gazastreifens und Westjordanlandes abziehen.(APA/AP/Reuters/dpa)

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