Wer kennt sich aus bei den Frauen?

29. April 2003, 11:03
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Manche haben 's schwer. Erschütternd dieses Wochenende, was der Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums Samstag in diesem Blatt aus seinem Leben zu vermelden hatte: Ich rackere mich 60 Stunden in der Woche ab! Allein die Wucht dieser Mitteilung hätte sensiblere Kollegen als jene, die sie dem Herrn Generaldirektor entrissen, schwer zeichnen können, wäre da nicht auch noch ihre peinliche Entlarvung gewesen: Aber offensichtlich wollen Sie einen Museumsdirektor, der jeden Tag um 10 Uhr kommt und um 14 Uhr wieder nach Hause geht.

Mit Nachdruck ist dazu festzustellen, dass es Journalisten nichts angeht, ob ein Museumsdirektor um 14 Uhr nach Hause oder anderswohin geht, und ebenso wenig, ob er um 10 Uhr von zu Hause kommt. Es gibt auch für ihn ein Recht auf Privatleben. Und das mit dem Abrackern stimmt, wie der Herr Generaldirektor erst neulich wieder in einer der bezahlten Anzeigen bewies, die er gelegentlich in der "Presse" für sich schaltet. Dort eröffnete er ein gellendes Eigenlob auf sein Haus mit einem Satz, der folgendermaßen ging:

Kaum jemand wird wohl bestreiten, daß das im 111. Jahr seines Bestehens befindliche Kunsthistorische Museum, und ich meine hier das "Haus am Ring" (freilich nicht die Staatsoper!) (Obacht! Humor der Pharaonen! Anm. d. Autors), eine altehrwürdige Institution ist, die nach der eigentumsrechtlichen Übertragung aus kaiserlichem Besitz in den Besitz der Republik Österreich und der nach langen Jahren des Abwartens erfolgten Überwindung der in den letzten Kriegstagen zugefügten Bombenschäden heute mehr denn je mit ihrem Ausstellungsprogramm, vor allem aber mit der unüberbietbaren Qualität der ständigen Schausammlungen einen der kulturellen Hauptanziehungspunkte Wiens, ja ganz Österreichs darstellt. Nein, das wird wohl kaum jemand bestreiten, ebenso wenig wie die Tatsache, dass man sich für die Herstellung einer solchen Banalität in Strudelform ziemlich abrackern muss.

Da tat sich Günther Nenning als Verkündigungsengel seines Gottes schon leichter, als er Sonntag, aufgeregt mit seinen Kolumnistenstutzflügerln wachelnd, vor Elfriede Jelinek niedersank, um ihr seine Trauer ob jenes Mangels an Demut mitzuteilen, der es ihr unmöglich macht, endlich zuzugeben: Siehe, auch ich bin die Magd des Herrn. Im Gegenteil, in dem Aufsatz Dem Fass die Krone aufsetzen, der am Wochenende gekürzt in der "Süddeutschen Zeitung" und im STANDARD erschien, machte sie ihren Gedanken und Gefühlen über die österreichische Medienszene und den diese Szene terrorisierenden Gott Luft.

Dagegen sandte dieser besagten Gehilfen aus, der noch nie etwas anders gesehen hat, seit er bei ihm in Brot steht, auf dass er die Botschaft überbringe: Ich bin traurig über deine Verzweiflung. Du bist so verzweifelt, dass es schon wurscht ist, worüber du verzweifelt bist. Das ist deiner unwürdig. Wenn Kollege Gabriel seinerzeit auch so dahergestammelt hätte, wäre es nie zu einer jungfräulichen Geburt gekommen.

Ganz in seinem weihrauchgeschwängerten Element, versuchte Nenning sich seines Auftrages in einer Attitüde zwischen Beichtvater und Oberlehrer zu entledigen, das heißt klarzustellen, dass nur Geistesgestörte an der Göttlichkeit Dichands zweifeln können. Liebe Elfriede Jelinek, was ist dir denn da eingefallen, jetzt bist du am Ende und spürst es selbst . . . Mit meiner Zuneigung für österreichische Gelassenheit würde ich sagen: Jetzt bist du wahnsinnig geworden! - Ich sag 's aber nicht, nämlich aus Respekt vor dir, denn so wie der Untergang ist auch der Wahnsinn eine von altersher ehrwürdige Beschäftigung für große Autoren. Aber bitte, aus lauter Wut über eine Zeitung geht man doch nicht unter!

Da sollte sich eine kritische Autorin lieber etwas Zuneigung für österreichische Gelassenheit zulegen und sich ein Beispiel am Nenning nehmen, dem der Wahnsinn, aus lauter Wut über eine Zeitung unterzugehen, nicht im Traum einfallen würde, wenn er ebenso gut mit Geschäftssinn zu der Zeitung übergehen und ein zweites Leben als Staberl-Karikatur beginnen kann. Jetzt setz dich einmal ruhig hin und denk nach oder fühl' nach. Ohne dass dir gleich wieder wer was in die Ohren bläst. Das ist ja eine gewissermaßen liebenswerte Eigenschaft von dir. Kaum ruft dich wer an und sagt, geh schreib doch was gegen den oder die, schon setzt du dich hin und tust es.

Auch an der tief gefallenen Sünderin entdeckt das Auge Gottes, das Nenning als Sehbehelf benutzt, noch eine gewissermaßen liebenswerte Eigenschaft, da braucht gar keiner anzurufen und zu sagen, geh schreib doch was gegen die, schon setzt er sich hin und tut es. Der weiß selber, wann er schreiben muss: Was ist das für ein Sparren von dir, dass der Hans Dichand der liebe Gott ist, dein böser Gott. Das ist keine Frage, sondern schon die Antwort auf: Was oder wer steckt dahinter, dass du Gott und Dichand verwechselst? Das muss ein besonderer Sparren sein: Wer kennt sich aus bei den großen Schriftstellern, wer kennt sich aus bei den Frauen? - Steckt vielleicht hinter dem Dichand-Hass eine unerfüllte, frustrierte Liebe, und welcher Art sollte die sein?

Gott- und Frauenkenner Nenning öffnet uns die Augen. Nicht um Medien und Macht geht es da, sondern um wahrhaft Tragisches: Autorin im Liebeswahnsinn - Opfer streichelt lieber seinen Hund. (Günter Traxler/DER STANDARD, Printausgabe 12.03.2002)

12.03.2002
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