Medienmulti Kirch muss sein Reich abverkaufen

11. März 2002, 23:05
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Der deutsche Fernsehmarkt wird neu geordnet: Bertelsmanns Gegenspieler Leo Kirch muss schrumpfen, um seinen Konzern vor dem drohenden Konkurs zu retten. Montag verhandelte er mit den Gläubigerbanken.

Für Leo Kirch wird es ernst. Zum ersten Mal in seinem Geschäftsleben muss der 75-jährige Münchner Medienmulti, der bisher so viel Wert auf Diskretion legte, die Karten auf den Tisch legen: Montag brüteten Vertreter der Gläubigerbanken und des Kirch-Konzerns über Zahlen und Organigrammen eines mehrseitigen Rettungsplans, mit dem Kirch drohenden Konkurs abwenden will. "Angespannt" nannte ein Banker die Stimmung.

Da der Konzern über Jahre ein Firmengeflecht entwickelt hat, das nur Kirch und enge Vertraute durchblicken, haben sich die Bankenvertreter eine Bedenkzeit von mehreren Wochen zur Prüfung ausbedungen. Kirch ist bereit, sich bis auf einige Ausnahmen von fast allem zu trennen: Nur Free-TV - wie ProSieben oder Sat.1 - und das Geschäft mit Rechten will er behalten.

Die Banken, bei denen Kirch mit mehr als 7,2 Milliarden Euro in der Kreide steht, verlangen mehr: Es dürfe kein Tabu geben, auch das Mana- gement müsse ausgewechselt werden. Außerdem haben sie weitere Verbindlichkeiten von fünf Milliarden Euro ausgerechnet. Kirchs Chefberater Wolfgang van Betteray will das Kreditvolumen auf vier Milliarden Euro durch Verkäufe senken. Als Interessenten für Einzelteile stehen unter anderem Rupert Murdoch (Premiere), Bertelsmann (N24) und die WAZ (Springer Verlag) bereit. Bevor sie zum Zug kommen, müssen sich erst die acht beteiligten Banken einigen, die offenbar einander widersprechende Interessen vertreten.

Ein weiteres Problem ist für Kirch der Streit mit dem Axel Springer Verlag. Dabei will der Kirch-Konzern nicht klein beigeben. Es gebe keine wirksame Vertragsgrundlage für die Verkaufsoption des Springer Verlages an dem Fernsehkonzern ProSiebenSat.1, bekräftigte ein Sprecher am Montag. Berichte über einen angeblichen Insolvenzantrag von Springer für die Kirch-Gruppe seien daher verwunderlich. "Das können wir nicht nachvollziehen", sagte der Kirch-Sprecher. Springer überlegt diesen Schritt, wenn Kirch nicht bis Ende April 767 Millionen Euro für Springers Anteil an der ProSiebenSat.1 Media AG überweist.

Die WAZ will

Die Verhandlungen Kirchs mit den Banken verfolgt aber auch Springer mit Interesse. Es geht darum, wer den 40-Prozent-Anteil Kirchs am Verlag bekommt, der vermutlich bei Banken zwischengeparkt wird. Zehn Prozent dürfte Verlegerin Friede Springer erwerben, für den Rest interessiert sich die in Österreich bei Krone und Kurier engagierte WAZ. Sie könnte ihr Know-how im Vertriebs- und Druckereibereich sowie bei den Lokalzeitungen in Berlin, Hamburg und Schleswig-Holstein einbringen.

Wie auch die Verhandlungen ausgehen: Die deutsche Medienbranche steht vor einer Neuordnung. Der Gegenpol zu Bertelsmann (RTL) wird redimensioniert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. März 2002)

Zum ersten Mal in seinem Geschäftsleben muss der 75-jährige Münchner Medienmulti Leo Kirch die Karten auf den Tisch legen.

STANDARD- Korrespondentin Alexandra Föderl-Schmid

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