Die Analyse eines Dauerzustands

11. März 2002, 22:36
1 Posting

In regelmäßigen Abständen wird Stress auch von geschickten Magazinmachern als titelwürdig befunden

Der Chef verlangt, Projekte früher als geplant zu realisieren. Kollegen hoffen gar nicht insgeheim, dass der neue Zeitplan nicht hält. Der Zahnarzttermin wurde auch schon mehrfach verschoben. Nur die Schmerzen warten nicht. Eigentlich sollte der Umzug geplant werden. Und zum Wochenende wollen die Eltern endlich wieder einmal besucht werden: Jeder ist im Stress und jeder redet darüber. Sehr gerne sogar. Ein Gefühl, das vor fünfzig Jahren kaum jemand kannte, beherrscht den Alltag.

In regelmäßigen Abständen wird Stress auch von geschickten Magazinmachern als titelwürdig befunden, weil das, worunter wir leiden, natürlich für jedermann interessant ist und daher Käufer bringt. Das Märzheft von Geo zum Beispiel widmet dem Thema ein Cover und 15 Seiten Lesestoff. Neben den klassischen Ursachen für die "Anpassungsreaktion des Körpers auf alles, was die Balance lebenswichtiger Funktionen wie Temperatur oder Blutdruck stört", werden auch Stressauslöser analysiert, die vielleicht noch nicht so gesellschaftsfähig sind wie Zeitdruck: Monotonie bei der Arbeit. Oder: zu viele Angebote für die Freizeit.

Auch die Folgen der laut Weltgesundheitsorganisation WHO "größten Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts" werden beschrieben: Die "chronische Aufruhr von Stresshormonen" nage am Gedächtnis, hinterlasse Rettungsringe um die Hüften und schwäche die Immunabwehr, heißt es. Dauerschäden inklusive.

Wer allerdings nie Stress hat, meint Geo, ist auch arm dran: Das Gefühl stimuliere, wenn es nicht zum Dauerzustand wird, Körper und Geist. Nach Wegen, den Dauerzustand zu verhindern, wird gefahndet. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. März 2002)

DIE AKTUELLE ZEITSCHRIFT

Geo: Das neue Bild der Erde Zivilisationsplage Stress Gruner+Jahr, Hamburg, März 2002 210 Seiten, 6,20 Euro

Von Peter Illetschko

Share if you care.