"Ein Anschlag auf das Stadtbild"

11. März 2002, 21:43
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Bauprojekt Wien-Mitte: Architekten an Technischer Universität rufen zu neuerlicher Diskussion auf

Wien - Zu einer neuerlichen offenen Diskussion des Projekts "Wien Mitte" hat am Montag das Kollegium der Fakultät für Architektur und Raumplanung der TU Wien aufgerufen. Dabei solle es nicht darum gehen, die Stadt unter einen "Glassturz" zu stellen, sondern "um das Alte durch ein ebenbürtiges Neues auf höchstem architektonischen und städtebaulichen Niveau zu bereichern", hieß es in einer Aussendung. Für die derzeitige Ausformung des Projekts machen die Experten die Stadt Wien und ihre Widmungspraxis verantwortlich. Keinen Zweifel lassen sie an ihrer Ablehnung des bestehenden Projekts.

Altlast vergangener Tage

Es erscheine "bedenklich, das Projekt Wien Mitte als Altlast vergangener Tage unkritisch zu realisieren", heißt es in der Aussendung. Denn: "Die geplante und teilweise bereits entstehende architektonische und städtebauliche Banalität über dem Bahnhof Wien Mitte ist kein zufällig entstandenes Ergebnis, sondern direkt auf die Widmungspraxis der Gemeinde Wien in den vergangenen Jahrzehnten zurückzuführen."

Vergröberung des Siegerprojekts unter kommerziellen Gesichtspunkten

Die Gemeinde habe für das Projekt eine Nutzfläche von ursprünglich 120.000 Quadratmetern zugelassen, wird betont. Selbst unter Berücksichtigung der zusätzlichen Aufwendungen für eine Bahnhofsüberbauung sei dies ein "Geschenk, sowohl an die Grundeigentümer als auch an die Projektentwickler". Dafür wären im Gegenzug höchste Transparenz der Verfahren und höchste Anforderungen an die städtebauliche und architektonische Qualität einzufordern gewesen. "Stattdessen waren zum Gutachterverfahren des Jahres 1990 nur vier Architektenteams geladen, und das Siegerprojekt wurde in den folgenden Jahren unter rein kommerziellen Gesichtspunkten bis zur Unkenntlichkeit vergröbert."

"Ein Anschlag auf das Stadtbild"

Scharf die Worte zu dem vor der Umsetzung stehenden Projekt: "Das nun vor der Verwirklichung stehende Projekt stellt einen Anschlag auf das Stadtbild, aber auch auf das funktionelle Gefüge der Stadt dar. Kosmetische Reduktionen der Höhenentwicklung - womöglich um den Preis einer Verdichtung anderer Standorte - werden daran nichts ändern."

"Ebenbürtiges Neues"

Nun solle noch einmal diskutiert werden. "Auch wenn die Gemeinde Wien mit der Bekanntgabe der Bebauungsbestimmungen ihr stärkstes Druckmittel bereits aus der Hand gegeben hat, muss es möglich sein, das Projekt vor dem Hintergrund des 'Weltkulturerbes Wien' noch einmal offen zu diskutieren - nicht um die Stadt unter einen Glassturz zu stellen, nicht um das Alte vor dem Neuen zu schützen, sondern um das Alte durch ein ebenbürtiges Neues auf höchstem architektonischen und städtebaulichen Niveau zu bereichern." (APA)

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