Surfen geht über Studieren mit Papieren

11. März 2002, 21:16
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Die "Generation Playstation", sagen Experten, hat das Mitschreiben satt - webbasierte Lerninhalte sind gefragt

Salzburg/Wien - Der Begriff E-Learning ist groß in Mode. Das tatsächliche Lernen über Internet stellt an Universitäten, Schulen und in Unternehmen aber derzeit noch die Ausnahme dar. Eine Vorreiterrolle spielen Fachhochschulen (FH) wie die FH Salzburg und das Joanneum in Graz.

In Salzburg werden den Studierenden bereits 30 virtuelle Kursräume geboten, 17 Lehrende setzen E-Learning im Unterricht aktiv ein. So können auch während der Praxissemester im Ausland mehrere Studierende an ein und demselben Projekt, etwa einer virtuellen Firmengründung, arbeiten - etwa die einen in Südafrika mit den anderen in Russland.

Tests im Netz

Auf dem Lernportal der Salzburger FH stehen nicht nur die Kursunterlagen zur Verfügung, sondern auch ein Kalender mit allen Abgabeterminen, eine virtuelle Bibliothek, Chats und Multiple-Choice-Tests zur jederzeitigen Selbstüberprüfung.

Beantwortet werden aber auch die individuellen Fragen der Studierenden. "Bis dato wurde jedes Problem binnen einer Stunde gelöst", verweist Robert Zwischenberger auf den hohen Betreuungsstandard des Teletutorings (siehe Wissen) an der FH. Zwischenberger ist der Entwickler des ersten heimischen Lernportals an Fachhochschulen in Österreich, der Tele-FH, und E-Learning-Projektmanager an der FH Salzburg.

Erste Lehrveranstaltungen via Internet bieten seit heuer auch die heimischen Universitäten an. In einer Kooperation zwischen dem Salzburger Institut für Germanistik und dem Institut für Software-Technik der TU Wien wurde das Open-Distance-Lernpaket "Literatur in der Wiener Moderne" entwickelt.

Teilnehmen können alle Interessierten kostenfrei und zeitunabhängig, denn die Lehrveranstaltung ist nicht an ein Semester gebunden. Prüfungen können - die Inskription vorausgesetzt - in Salzburg oder in Maribor, Slowenien, abgelegt werden.

Vor allem für Berufstätige sei diese Form des Studiums attraktiv, meint der Salzburger Germanist Klaus Zelewitz. Er rechnet mit etwa 550 Lernwilligen für die Onlineveranstaltung, davon sollen 100 auch die Prüfung ablegen.

Unter wachsendem Konkurrenzdruck im Bereich E-Learning erwartet Zelewitz die verstärkte Zusammenarbeit von Universitäten, schränkt aber ein: "Wir beten das Telelearning nicht wie das Goldene Kalb an, es gehen dabei auch viele soziale Komponenten verloren."

Steigendes Interesse für E-Learning-Angebote registriert man auch im Wiener Büro von NETg. Das britische Unternehmen hat sich auf die Aus-und Weiterbildung durch E-Learning spezialisiert und bietet vor allem Trainings für Bürosoftware sowie Sprachkurse an. Kunden sind nicht Unternehmen, aber auch Sozialeinrichtungen, die etwa ihr Altenpflegepersonal internetgestützt ausbilden.

Schneller lernen

Zwischenberger prophezeit eine Verankerung der virtuellen Klassenzimmer und Hörsäle im täglichen Arbeitsablauf: "So wie man heute Word öffnet, wird man in Zukunft auf ,Web Based Trainings' zugreifen. Die Einschulungsphase für neue Mitarbeiter wird dadurch erheblich verkürzt werden."

Der "Generation Playstation" an der FH gehe dagegen bereits die derzeitige Entwicklung zu langsam. "Geschriebene Skripten interessieren die nicht mehr, die wollen über das Netz auf die Unterlagen zugreifen. Und mitschreiben will sowieso niemand." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 3. 2002)

Die "Generation Playstation", sagen Experten, hat das Mitschreiben satt. Webbasierte Lerninhalte sind gefragt. Neue Vernetzungen und E-Learning-Formen sind an ersten Unis und Fachhochschulen im Kommen. Und später revolutionieren sie das lebenslange Lernen.

Von STANDARD-Mitarbeiter Stefan Tschandl
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