Ingrid Betancourt - Kolumbiens kämpferische Jeanne d'Arc

11. März 2002, 21:54
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Es ist genau das eingetreten, was sie befürchtet hat: Im Einstiegskapitel ihres gerade erschienenen Buches "Die Wut in meinem Herzen" beschreibt die Kolumbianerin Ingrid Betancourt, wie ein Mann in ihr Abgeordnetenbüro kam und ihr offen mit Entführung und Mord gedroht hatte.

"Ich hatte nur noch Panik", beschrieb die Politikerin ihre erste Reaktion. Sie packte ihren Sohn Lorenzo und ihre Tochter Mélanie - inzwischen 13 und 16 Jahre - und brachte sie zum Vater nach Australien, einem französischen Diplomaten, von dem Betancourt seit mehreren Jahren getrennt lebt. Um sich selbst hat sich die von den kolumbianischen Medien gerne Jeanne d'Arc genannte Frau keine Sorgen gemacht.

Aber Ende Februar ist genau das eingetreten, wovor Betancourt gewarnt wurde: Sie wur- de von einem Kommando der größten Guerrillagruppe des Landes, den "Bewaffneten Revolutionären Streitkräften Kolumbiens" (Farc), entführt, als sie in der ehedem "neutralen" Zone der Rebellen unterwegs war. Betancourt war entgegen dem Rat der Sicherheitskräfte auf dem Landweg nach San Vicente aufgebrochen. Dort wollte sie Demonstrationen zugunsten der Bewohner in diesem Gebiet anführen. Die Farc verlangen als Gegenleistung für ihre Freilassung die Freiheit für Angehörige ihrer Gruppierung.

Ob Betancourt wie geplant mit ihrem Bündnis für ein "neues Kolumbien" als Präsidentschaftskandidatin bei den Wahlen am 26. Mai antreten kann, ist völlig unklar. Erst vergangene Woche ist die Leiche einer ebenfalls ermordeten Senatorin aufgefunden worden. Betancourts Mutter und ihr zweiter Ehemann Juan Carlos wenden sich seither jeden Tag via Fernsehen an die Entführer mit der Bitte, sie freizulassen.

Es ist bizarr, dass ausgerechnet Betancourt nun für die Politik von Präsident Andrés Pastrana als Geisel büßen muss, dem sie harsche Vorwürfe macht. Die Friedensgespräche mit den Rebellen habe Pastrana nie ernsthaft betrieben, behauptet sie. Die Vierzigjährige hat auch selbst mit Vertretern der Guerilla verhandelt: Es gibt Fotos, auf denen man die schlanke Blondine in ihrem traditionellen schwarzen T-Shirt mit der Aufschrift "Für ein neues Kolumbien" in ungezwungenem Gespräch sieht.

Die Tochter eines frühe- ren Bildungsministers und Unesco-Botschafters sowie der populären Gründerin des Kinderhilfswerks in Bogotá hat ihr Leben dem Kampf für Frieden und gegen Korruption in Kolumbien verschrieben. Das Energiebündel gründete vor vier Jahren die Partei "Grüner Sauerstoff" und lehrte das politische Establishment das Fürchten. Ihr Mann rechnet inzwischen mit dem Schlimmsten: "Wenn sie sich etwas vornimmt, dann tut sie es bis zum Ende. Und das finde ich richtig." (DER STANDARD Print-Ausgabe, 12.3.2002)

Von Alexandra Föderl-Schmid
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