Entlein mit der Rohkraft, Damen mit Biss

11. März 2002, 21:13
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Ein dreiteiliger Tanzabend im Schauspielhaus Graz zeigt: Die Mur-Stadt findet Tanzanschluss an die Gegenwart

von Ursula Kneiss


Graz - Zeitgemäßen klassischen Tanz betreffend, tut sich was in den Bundesländern: Linz, Innsbruck und nun auch wieder Graz setzen Akzente. Einfach ist das nicht. Obwohl in Graz seit gut 200 Jahren das Ballett gepflegt wurde, hat sich dort Konvention breit gemacht. Gerhard Brunner - von 1990 bis 2001 Intendant der Vereinigten Bühnen - hat schon vor Jahren versucht, die Moderne populär zu machen. Auch er musste sich dem klassisch-romantischen Geschmack beugen.

Auftragsarbeiten zum Thema "Stärke"

Ambitioniert, international erfahren und ungetrübt versucht nun Darrel Toulon, Graz in Tanzhöhen zu manövrieren. Seit vergangenen September wird unter ihm als Leiter von TANZ,GRAZ gearbeitet. Der 37-Jährige hat schon mit seinem Einstand Cinderella Talent und Können bewiesen. Für die zweite Premiere zog er in das Schauspielhaus und lud sich Gäste ein. Auftragsarbeiten zum Thema Stärke wurden an Christina Comtesse, Gideon Obarzanek und Francesca Harper vergeben. Schon aus den Lebens- und Werkbiographien der drei Choreographen war zu erlesen, dass da unterschiedliche Assoziationen und tänzerische Umsetzungen in Bezug auf das gestellte Thema ins Spiel kommen würden.

Die elf Jahre lang unter Johann Kresnik in Bremen und Berlin tanzende Engländerin Christina Comtesse schuf mit Greyzone ein schwarz/weiß kontrastierendes Stück für zehn Frauen. Alleine oder in Kleingruppen, verschanzen sich diese in Transparentzelten oder verwenden Stangen als abschreckende Waffen: Gekämpft wird gegen innere Zwänge, gegen Ängste, gegen Seelenpein. Ein doch etwas plumpes Bewegungsstück.

Tiefsinniger Humor beim hässlichen Entlein

Tiefsinnigen Humor bewies der Australier Gideon Obarzanek mit Tense. Er greift die Geschichte vom "hässlichen Entlein", das zum "schönen Schwan" wird, auf, lässt anfangs zwei Tänzerinnen gegeneinander treten. Die eher athletisch wirkende Lore Janssens eifert der gemeinhin als ideal geformten Figur von "Viktoria" (Viktoria Gionina ) nach. Bei der stimmt anscheinend alles. Erstere wirkt ungeschlacht. Tänzerleid!? Nicht unbedingt. Denn der "schöne Schwan" (Viktoria) verschwindet allmählich von der Bühne. Die Stärkere setzt sich durch und zeigt, was tanztechnische Ausdruckskraft bewirken kann.

Der maskulinen Variante von Stärke hat sich Francesca Harper angenommen. Die US-Choreographin, einst Tänzerin beim Dance Theatre of Harlem (New York) und unter William Forsythe, ging auf die Körperkraft und deren Leistungsfähigkeit ein. Das spricht an, war aber noch nicht alles. Harper, diffizil im Umgang mit Bewegungsnuancen, versteht es, Effekte geistreich zu gestalten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.03. 2002)

  • "Greyzone"
    foto: peter manninger /schauspielhaus graz

    "Greyzone"

  • "Greyzone"
    foto: peter manninger /schauspielhaus graz

    "Greyzone"

  • "Greyzone"
    foto: peter manninger /schauspielhaus graz

    "Greyzone"

  • "Tense"
    foto: peter manninger /schauspielhaus graz

    "Tense"

  • "Chroma Style"
    foto: peter manninger /schauspielhaus graz

    "Chroma Style"

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