Der Opernmarathon

11. März 2002, 21:22
1 Posting

Vier Gioacchino-Rossini-Einakter in sechs Stunden - Ein Erlebnisbericht aus dem Konzerthaus

Wien - Der erste Abend. Gelassen paradiert das achtköpfige Sängerkorps zu seinen Sitzplätzen. Das Spiel beginnt, das Ohr meldet einen enttäuschend dünnfadigen Orchesterklang. "Gastspiel des Teatro Borgatti in Cento", erklärt das Programmheft. Cento ist in der norditalienischen Po-Ebene gelegen, unweit Ferrara, und wird laut Brockhaus von zwischen zehn- und fünfzigtausend Menschen bewohnt.

Rache des Schlafdefizits

Nach einer Viertelstunde die Gewissheit: Es rächt sich, Rossini-Marathons mit einem beträchtlichen Schlafdefizit anzugehen. War das Konzerthaus immer schon so verschwenderisch beheizt? Egal. Augen auf und durch. Die Sänger singen. Maurizio Leoni gefällt durch einen geschmeidigen Bariton, Dario Giorgelè macht seinen etwas spröden Bass mit der überzeugendsten schauspielerischen Leistung des Abends wett.

"immerimmerimmer Parkettplätze"

Elena Rossis Sopran betört durch sinnliche Abgenutztheit. Nach knapp eineinhalb Stunden ist Il signor Bruschino, der erste der vier Einakter, vorbei. Erstes Resümee: ein nicht unangenehm mittelklassiges, gut eingespieltes Team. Es geht. Danach L'occasione fa il ladro sowie Platzwechsel. Kritikerplätze sind immerimmerimmer Parkettplätze, schade, denn Balkonplätze sind viel angenehmer. Mit dem Auftritt Maria Luigia Borsis kommt Freude auf: die schönste Stimme des Abends. Ein technisch souverän geführter Sopran mit Helligkeit, verführerisch im Leisen, beeindruckend im Lauten.

Langfristig erfrischend

Die gehegte Befürchtung, mit frühen Rossini-Einaktern verhalte es sich wie mit der Konsumation von Champagner - ein Glas wunderbar, zwei okay, das dritte stößt dann schon etwas auf - bewahrheitet sich nicht. Sicher, das I-IV-V-I-Karussellchen dreht sich ohne Unterlass, aber die viel beschworene "allegrezza vitale" der Musik erfrischt auch langfristig. Was Nietzsche über Bizet meinte, trifft auch auf Rossini zu: Die Musik ist "leicht, biegsam", sie "schwitzt nicht". So ist es.

Ausgeschlafene Kritikerwonne

Zweiter Abend. Ausgeschlafen erwartet der Berichterstatter den dritten Früh-Rossini, La cambiale di matrimonio. Und auch die "Virtuosi italiani" scheinen den Tag des Herrn zur physischen Rekreation genützt zu haben: deutlich mehr Spielfreude als am Vortag. Das Libretto ist witzig (Thema aller Einakter übrigens: Liebeshändel), Rossini passt sich mit enormer Wendig- und Leichtigkeit an die jeweilige Situation an: eine Wonne.

Ohrendurchputzer

Wendig und leicht singt auch Myrtò Papatanasiu im finalen La scala di seta, die Koloraturen perlen, das dreigestrichene F putzt die Ohren durch. Ornella Vecchiarelli bezirzt das Publikum wie auch den Dirigenten, Claudio Desderi, freudvollst. Letztgenannter macht seine Sache im Übrigen gut: Der Geist der Musik Rossinis ist spürbar.
(end/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.03. 2002)

Share if you care.