Des Komponisten reisender Zaubergarten

11. März 2002, 20:23
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Ein Besuch beim ungarischen Komponisten Peter Eötvös

Beim "Hörgänge"-Festival erlebt man am Freitag Peter Eötvös' Klangtheater "As I crossed a bridge of dreams"; im Mai kommt seine Oper "Drei Schwestern" zu den Wiener Festwochen. Ein Besuch beim ungarischen Komponisten.

von Ljubisa Tosic


Brüssel - Links vom Brüsseler Théâtre de la Monnaie sitzt ein Mann im Hotel Roma an seinem Arbeitstisch und feilt an einer neuen Partitur. Bezeichnenderweise hat er ein Zimmer mit Arbeitsaussicht: Blickt er von der Partitur auf, also durchs Fenster, fällt sein Blick nämlich unweigerlich wieder auf Berufliches - auf das Opernhaus, in dem er tags zuvor seine Drei Schwestern dirigiert hat.

Die Doppelbelastung Komponist/Dirigent - Peter Eötvös kann sich das wohl nicht anders vorstellen. Zwar staunt er selbst, "wie viel ich immer unterwegs bin". Allein, keinesfalls zerknirscht erzählt der 58-jährige Ungar, der zurzeit in Holland lebt, von jenem Komponierpensum, das ihm durch Aufträge auferlegt wird. Und von den Vorteilen, als Dirigent jenen Praxisbezug halten zu können, den der Komponist Eötvös dann laufend nutzbar machen kann.

Volles Auftragsbuch

Sein Auftragsbuch ist ja ziemlich voll: Zurzeit wird Le Balcon fertig, ein kabarettistisches Musiktheater nach Jean Genet, das im Juni in Aix-en-Provence uraufgeführt wird. Zudem schreibt er für das Pariser Théâtre du Châtelet Angels in America. Und für Los Angeles (also für Placido Domingo) entsteht ebenfalls eine Oper. Auch die Drei Schwestern beschäftigen Eötvös nach wie vor. Seit der erfolgreichen Uraufführung in der Opéra National de Lyon 1998 gab es an verschiedenen Orten an die 50 Vorstellungen in fünf Neuinszenierungen; sogar eine "handliche" Reiseversion wurde eingerichtet. Zurzeit ist das Werk, das die Deutsche Grammophon auf CD verewigt hat, in Brüssel - schließlich reist es im Mai zu den Wiener Festwochen an, wo es in der Brüssel-Version zu sehen sein wird. Erleben wird man eine Art Zaubergarten der Stilisierung: Eötvös hat sich das Buchstabieren der Tschechow-Vorlage versagt.

Drei Counter-Tenöre als die drei Schwestern

Die drei Schwestern wurden mit drei Countertenören besetzt; das Stück wurde seziert und in drei Sequenzen gegliedert. Wobei die Geschichte quasi dreimal - immer aus dem Blickwinkel einer anderen Figur - beleuchtet wird. Auch durch die Regie von Ushio Amagatsu, die sich an die japanische Theatertradition anlehnt, hat man eine realismusferne Abstrahierung erreicht. Und immer wieder die Zahl Drei: Auf der Brüsseler Bühne sieht man drei drehbare Seidenpapierwände, auch drei Waagen im Ungleichgewicht. Zudem schmücken das Ambiente kleine hängende Dreiecke. Der orchestrale Part ist hingegen zweigeteilt:

Hinter der Bühne sorgt ein 50-Personen-Orchester für Aura; im Orchestergraben ein 18-köpfiges Ensemble. Berückend die Farbigkeit und präzise Zuordnung der Instrumente zu einzelnen Figuren. "Diese Musik", sagt Eötvös, ehemaliger Leiter des Pariser Ensembles InterContemporain, "ist fast nicht meine Musik. Sie ist speziell für dieses Stück geschrieben, sie gleicht nichts, was ich schon gemacht habe. Und sie wird nichts gleichen, was ich schreiben werde. Es war ein wenig wie Filmmusik schreiben."

Ein Pinnwand-Zettel brachte ihn zu Stockhausen

Eötvös kann das behaupten - er hat Erfahrungen mit Filmsoundtracks: In Budapest der 60er-Jahre hat der Kodály-Schüler für Film und Theater gearbeitet. Denkt er an diese Zeit zurück, erinnert er sich an die schwierige Infobeschaffung in Sachen Musik: "Wir hörten Radio Free Europe und die BBC - und ja, man spielte eigentlich mit dem Leben, wenn man das hörte." Paradoxerweise bekam er später ein Stipendium, das ihn in die BRD brachte, wo er gleich Stockhausen aufsuchte.

"Es gibt Schicksal! Da hing in der Hochschule ein Zettel, auf dem draufstand, Stockhausen würde einen Kopisten suchen. Das wurde dann ich, er hat mich sofort genommen." Von Ungarn wollte Eötvös nie wirklich weg. "Immer, wenn etwas nichts geworden ist, bin ich gegangen!" Gut, dass aus manchem nichts wurde: "Nach dem Stipendium kam ich zurück, weil ich ja noch für drei Jahre zum Militär musste. Geh' ich also hin zur Behörde, sage meinen Namen, der Beamte blättert in einer Liste, meint dann: ,Eötvös, Sie stehen da nicht drauf, hauen Sie ab!' Man hat mich vergessen. Ging ich dann eben mit Stockhausen nach Japan!"
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.03. 2002)

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