"Plötzlich kamen Lichter auf mich zu"

11. März 2002, 19:42
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Unglücksfahrer vor Gericht - Acht Monate bedingt und 3600 Euro Strafe

Graz - Der Prozess dauerte nicht einmal eine Stunde. Am Landesgericht Leoben wurde am Montag jener Autofahrer verurteilt, der am 6. August des Vorjahres einen verheerenden Unfall im Gleinalmtunnel verursachte. Bei dem Unglück starben die Eltern und drei Kinder einer niederländischen Familie, ein Mädchen überlebte - die Verbrennungen des Kindes waren lebensbedrohlich.

Der Unglückslenker, der ebenso wie seine beiden Töchter verletzt wurde, musste sich wegen fahrlässiger Gemeingefährdung verantworten. Einen technischen Defekt an seinem Auto schlossen die Gutachter aus. Der Mann wurde zu einer Geld- sowie einer bedingten Haftstrafe verurteilt.

Der 41-jährige Karlheinz B. erklärte vor Gericht, er könne sich an den genauen Hergang des Unglücks nicht mehr erinnern. Seine Töchter hatten am Rücksitz des Wagens offenbar um einen Farbstift gestritten, er könnte von den Quengeleien der Kinder abgelenkt worden sein. Es war eine Sekunde der Unaufmerksamkeit, in der er sich möglicherweise umdrehte, und die Katastrophe nahm ihren Lauf.

"Plötzlich kamen die Lichter auf mich zu, wir hatten beide keine große Chance zu reagieren", schilderte der Theologe nun die Augenblicke vor dem Frontalzusammenstoß mit dem Wagen der Urlauberfamilie aus den Niederlanden.

Unmittelbar nach dem Zusammenstoß zog er seine Kinder aus dem Wagen und brachte sie in Sicherheit, wenig später ging sein Fahrzeug in Flammen auf. Die niederländische Familie hatte keine Chance, dem Unfallinferno zu entkommen: Die Eltern und drei Töchter verbrannten und erstickten im Wrack, eine Tochter überlebte mit schwersten Verbrennungen.

Sorgfaltsverletzung

Der Unfalllenker befindet sich seit damals in psychologischer Betreuung. Das Urteil lautete auf eine Geldstrafe von 3600 Euro sowie eine bedingte Haftstrafe von acht Monaten bei einer Höchststrafe von drei Jahren. "Eine Sorgfaltsverletzung liegt vor, wenn sie auch nicht sehr groß ist", begründete der Richter das Urteil. "Die ärgste Strafe ist, dass er sich ein Leben lang damit abfinden muss, eine Familie fast ausgelöscht zu haben", so der Richter weiter.

Karlheinz B. nahm das Urteil sofort an. Der sichtlich gezeichnete Mann erklärte im Anschluss an den Prozess: "Mir ist das Schlimmste passiert, was einem passieren kann." Das niederländische Mädchen sei mittlerweile aus dem Krankenhaus entlassen worden, er stehe in Kontakt mit der Familie. "Ich muss damit leben", so der Beschuldigte. Die zur Unfallzeit elfjährige Ymke hatte Verbrennungen, vorwiegend dritten Grades, von fast 70 Prozent der Haut erlitten. Die Schülerin musste nach dem Unglück in künstlichen Tiefschlaf versetzt werden, das Waisenkind wird von Verwandten betreut.

Das Urteil ist nicht rechtskräftig, da Staatsanwalt Martin Wenzel keine Erklärung abgab. (APA, red, Der Standard, Printausgabe, 12.03.02)

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