Eine Wahl ohne Wahlkampf

11. März 2002, 19:43
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Über 4,8 Millionen Katholiken wählen am Sonntag ihre neuen Pfarrgemeinderäte - Das Interesse sinkt stetig

Wien - Alle fünf Jahre haben in der römisch-katholischen Kirche die Gläubigen das Wort. Dann bekommen selbst die Kinder eine Stimme zugesprochen. Ihre Eltern sind so und so gefordert. Über 4,8 Millionen Katholiken sind kommenden Sonntag in Österreich zur Wahl ihres Pfarrgemeinderats (PGR) aufgerufen.

Den Wählern werden dabei sogar mehr Rechte als bei politischen Wahlen zugestanden. So sind beispielsweise bei den PGR-Wahlen auch Katholiken ausländischer Staatsbürgerschaft wahlberechtigt. Das Mindestwahlalter liegt grundsätzlich bei 16 Jahren (die Ausnahme: Diözese Eisenstadt mit 14 Jahren). Ab diesem Alter darf man auch selbst bereits kandidieren. Für Kinder wird in manchen Pfarren das "Familienwahlrecht" angewandt. Dabei kann jeder Elternteil für jedes noch nicht wahlberechtigte Kind zusätzlich eine "Kinderstimme" abgeben, die als halbe Stimme gezählt wird. In den rund 3000 österreichischen Pfarren bewerben sich fast 40.000 Kandidaten für die knapp 30.000 Mandate.

Stetig sinkendes Interesse

Trotz der großzügigen Bestimmungen sinkt die Wahlbeteiligung stetig. Daran ändern auch Aktionen wie das Beilegen eines Wahlaufrufs bei den Zahlscheinen für den Kirchenbeitrag wenig. Der "große Begeisterungsschwung" sei "etwas im Abnehmen", beklagte etwa der Innsbrucker Bischof Alois Kothgasser die derzeitige Situation. Bei den letzten Wahlen (1997) lag die Beteiligung nur mehr bei 24,2 Prozent (rund 1,1 Millionen Wähler). 1987 haben immerhin noch mehr als 30 Prozent der Katholiken an den Wahlen teilgenommen. Bei den Wahlen 1992 sank die Beteiligung dann bereits auf 28,4 Prozent.

Damit lag die Wahlbeteiligung allerdings noch immer deutlich höher als die Zahl der Kirchenbesucher. Diese fiel zuletzt bereits deutlich unter die 20-Prozent-Marke. Der Frauenanteil ist hingegen konstant gestiegen, er lag zuletzt bereits bei 49,3 Prozent. Zehn Jahre zuvor lag ihr Anteil noch bei knappen 39 Prozent. Die Katholische Frauenbewegung hat nun im Vorfeld der Wahl versucht, mit einer Postkartenaktion ("mutige Pfarrgemeinderätinnen") noch mehr Frauen für diese Arbeit zu gewinnen. Ob das Ziel erreicht wird, bleibt abzuwarten.

Auf der Suche nach Gründen

Für das generell sinkende Interesse an der Pfarrgemeinderatswahl sieht man innerhalb der Kirche verschiedene Gründe. "Die Wahlbeteiligung spiegelt natürlich auch das aktive Leben in der Kirche wider", sagt Balthasar Sieberer, Seelsorgeamtsleiter in Salzburg und zuständig für Österreichs PGR-Mitglieder. Außerdem gebe es eine gesellschaftlichen Tendenz, sich nicht mehr lange zu binden. Diese Trend schlage sich auch in der katholischen Kirche nieder. Sieberer: "Es ist wesentlich leichter, Katholiken für einzelne Projekte zu gewinnen. Sich für fünf Jahre, noch dazu mit hohem zeitlichen Aufwand, zu verpflichten, ist nicht mehr so gefragt."

Ein weitere Ursache liegt sicherlich auch in der Arbeit selbst. Die Pfarrgemeinderäte wurden nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil eingeführt, um die Mitverantwortung der Laien in der Kirche zu stärken. Sie sind zusammen mit dem Pfarrvorsteher für die Seelsorge verantwortlich und entscheiden mit diesem "Fragen des pfarrlichen Lebens". Freilich: Die tatsächlichen Einflussmöglichkeiten sind in der Praxis, vorsichtig ausgedrückt, nicht groß.

Pfarrer Dreh- und Angelpunkt

Es liegt einzig und allein in der Hand des jeweiligen Pfarrers, wie viel Demokratie und Mitbestimmung er in seiner Gemeinde zulässt. Zwar gibt es vor allem in vermögensrechtlichen Angelegenheiten eine Mitsprache, bei anderen wichtigen Fragen der Pfarre muss der Geistliche das Beratergremium allerdings nur "anhören".

Zumindest der Pfarrer der Gemeinde Altaussee könnte bald wenigstens einem prominenten Österreicher "zuhören" müssen: Schauspieler Klaus Maria Brandauer kandidiert für ein Mandat. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 12.3.2002)

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    Warten auf die Schäfchen. Auch und vor allem am kommenden Sonntag.

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