Drei ist mehr als sechs und kleinlich

12. März 2002, 17:42
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Früher, da dauerte eine U-Bahn-Erwartung exakt so lange, bis sich der Griff zur Zigarette nicht mehr hinauszögern ließ ... die Kolumne im Panorama

Zeit für Kleinlichkeit. Eine Minute, lernen wir in der Schule, setzt sich aus 60 Sekunden zusammen. Und eine Sekunde ist irgendeine Strecke, die ein Stück Licht braucht, um eine bestimmte Strecke zurückzulegen. Irgendwann landet man dann beim Urmeter, dem universellen. Damit man sich das auch anschauen kann, hat man es auch hergestellt. Es besteht aus ein paar Metallen, die aufeinandergepickt sind und in Paris (oder war das London?) im Museum liegen. Toll. Und für den Alltag völlig nutzloses Wissen. Und das nicht, weil unsereiner jetzt mit Einstein und Relativität daherkommen will. Obwohl – um es mit Falco zu sagen: „Man fährt ja U-Bahn auch“.

Früher, da dauerte eine U-Bahn-Erwartung exakt so lange, bis sich der Griff zur Zigarette nicht mehr hinauszögern ließ. Doch weil U-Bahnen auch für Nichtraucher irgendwann kommen sollen, schufen die Wiener Linien Wartezeitanzeigen. Eine Revolution. Das war im Mai 2000. Knapp 30 Jahre, nachdem Moskau oder andere High-Tech-Metropolen dieses System eingeführt hatten.

Fortschritt

Heißa war das eine Freude, als – die damalige Wiener-Linienstadträtin – Brigitte Ederer und - der bis heute amtierende Wiener-Linien-Direktor - Günther Grois da in der Taubstummengasse stolz erklärten, der Zug würde punktgenau zum Countdownende einfahren. Ich war dort. Ergriffen summte ich „Geschichte wird gemacht“: Aus dem Stollen kam ein Grollen. Ederer und Grois stellten sich in Position (unter die Anzeige) Der Zug fuhr ein. Die Türen öffneten sich. Ederer und Grois lächelten in die Kameras. Die Tafel sagte, dass der Zug in einer Minute kommen würde. Kinderkrankheiten.

Seither sind zwei Jahre vergangen. Und auch wenn es vereinzelt Meldungen über U-Bahn Minuten gab, die bis zu 120 Sekunden gedauert haben sollen: Das Warten scheint kürzer. Man hat schließlich eine Perspektive. Ok: „15 Minuten“ bei Eissturm am Weihnachtsabend in der Nussdorfer Straße vielleicht ausgenommen. Dass das System w.o., gibt, wenn in Folge eines Unfalles die Züge auf einem Bahnsteig abwechselnd aus beiden Richtungen kommen („1 Minute – 45 Minuten – 1 Minute – 45 Minuten“) ist auch ok.

Handgestoppt

Trotzdem. Zurück zur Kleinlichkeit. Ein stinknormaler Freitagnachmittag auf dem stinknormalsten der stinknormalen Umsteigebahnhöfe. Wien Mitte. Drei Minuten zeigt die Uhr. Das tut sie auch noch einen ganzen, kurzen Walkmansong später (2 Minuten 40). Dann springt sie um. Immerhin: die Zwei steht nur 1 Minute 46 (handgestoppt. Ich gebe oder nehme gerne zwei Sekunden). Die Eins genieße ich noch kürzer: 1 Minute und 15 Sekunden lang. 25 Prozent Toleranz ist ok. Dann blinkt der Stern. Und blinkt. Und blinkt. Eine halbe Minute lang. Dann steht der Zug vor mir. Macht sechs Minuten elf. Wow.

Irgendwann hat mir der Direktor des Uhrenmuseums erzählt, dass die einheitliche Uhrzeit eingeführt wurde, weil im 19. Jahrhundert ständig Züge zusammenkrachten. Weil jeder Ort die Zeit exakt nach der des eigenen Uhrmachers stellte. In Paris, so der Zeitgelehrte, habe es bis zu sechs verschiedene Zeiten gegeben. Gleichzeitig: Jede Bahngesellschaft und die Kommune hatten ihre eigene. Aber die Minute hatte dennoch immer 60 Sekunden. Vielleicht, weil das Urmeter in Paris und nicht in Wien liegt.

NACHLESE
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Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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