"Menschen sind keine Saisonware"

12. März 2002, 14:59
46 Postings

Fremdenpaket: SPÖ und Gewerkschaft befürchten Druck auf Lohnniveau

Wien - Vor einer Untergrabung des Arbeitsmarktes im Tourismus durch die Ausweitung der Saisonnier-Regelung warnt die Gewerkschaft Hotel, Gastgewerbe, Persönlicher Dienst (HGPD): "Die Saisonniers setzen eine Lohnspirale nach unten in Gang und verdrängen InländerInnen und in Österreich integrierte AusländerInnen vom Arbeitsmarkt", sagte HGPD-Chef Rudolf Kaske am Dienstag vor Journalisten in Wien.

Menschen sind keine Saisonware

Durch mehr ausländische Saisonarbeitskräfte würden minderqualifizierte heimische Arbeitskräfte verdrängt, befürchtet die Gewerkschaft HGPD. Damit steige auch die Illegalität, da nicht alle wie vorgesehen nach Ablauf ihrer Arbeitszeit von bis zu sechs Monaten das Land wieder verlassen würden. "Menschen sind nicht Saisonware, die man nach dem Ablaufdatum von zwei Mal sechs Monaten weg wirft", sagte Kaske. Die Gewerkschaft trete für Integration ein, Inländer dürften nicht gegen Ausländer ausgespielt werden.

Es gehe nicht um bis zu 15.000 Saisonniers, wie von Regierungsseite behauptet, sondern um mehr als 30.000 Saison-Arbeitskräfte, wie die Zahlen aus 2001 belegten. Darin sind auch knapp 16.000 Erntehelfer enthalten. Kaske hält eine Ausweitung auf bis zu 70.000 Saisonniers in den nächsten Jahren für realistisch.

"Halbwahrheiten" Bartensteins

Von den zuständigen Gewerkschaftsgremien des HGPD habe es zur Höhe der Saisonnierkontingente "keine wie immer geartete Zustimmung" gegeben, unterstrich Kaske. Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (V) operiere mit "Halbwahrheiten", wenn er sich auf die Zustimmung der Sozialpartner beziehe. Nur die Arbeiterkammern einzelner Länder hätten zugestimmt, dabei seien aber "Fehler passiert".

Kuntzl: Bezahlung von Saisonniers unter bzw. exakt auf Kollektivvertrag führt zur Senkung der Löhne

Die SPÖ befürchtet, dass durch den von den Regierung geplanten Integrationsvertrag das österreichische Lohnniveau unter Druck kommt. Durch das Fremdenpaket würde eine große Zahl Saisonarbeitskräfte nach Österreich geholt, die Zahlen der Arbeiterkammer, die 90.000 Saisonniers für möglich hält, seien plausibel, erklärte SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Andrea Kuntzl am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Wien. Diese würden aber regelmäßig unter dem Kollektivvertrag bezahlt und auch die Auszahlung von Überstunden würde oft verwehrt. "Damit wird auf dem österreichischen Arbeitsmarkt eine Dynamik ausgelöst, die zu niedrigeren Standards führt", so Kuntzl.

Die Saisonarbeiter hätten aber kaum Möglichkeit, sich gegen zu geringe Bezahlung zu wehren. Während ihrer Beschäftigung würden sie aus Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes nicht zu klagen wagen. Und nach Beendigung des Saisonjobs müssten sie das Land verlassen und könnten erst recht wieder nichts machen. "Das sind sehr abhängige Arbeitskräfte in einer sehr schwachen Situation", so Kuntzl.

Doch auch wenn die Saisonniers laut Kollektivvertrag bezahlt würden, kämen die zahlreichen Arbeitskräfte unter Druck, die zu branchenüblichen Löhnen arbeiten. So würde laut Kuntzl ein Installateur laut Kollektivvertrag rund 1.600 Euro monatlich erhalten, die branchenübliche Bezahlung liege aber bei 1.950 Euro. Das sei ein Unterschied von mehr als 4.000 Euro im Jahr. "Je mehr billige Saisonarbeitskräfte hereingeholt werden, desto mehr wird sich in Österreich das Lohnniveau senken", sagte Kuntzl.

Rauch-Kallat: "Billiger Populismus und Angstmacherei"

Die ÖVP weist die Kritik von Gewerkschaft und SPÖ an der neuen Saisonnier-Regelung zurück. Generalsekretärin Maria Rauch-Kallat sieht in einer Aussendung "billigen Populismus und Angstmacherei". Operiert werde mit falschen Argumenten und Fantasiezahlen. Während die Regierung bei den Saisonniers im Interesse von Wirtschaft und Arbeit und im Einvernehmen mit dem Arbeitsmarktservice und den Sozialpartnern auf Landesebene handle, "wollen die sozialistischen Funktionäre auf Bundesebene ganz einfach jede vernünftige Regelung schlecht machen, weil sie sich parteipolitische Vorteile davon erwarten", so Rauch-Kallat.

(APA)

Share if you care.