Petritsch: Bosnien darf nicht "Dayton-Land" werden

11. März 2002, 13:15
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Für den internationalen Bosnien-Beauftragten ist das Land noch weit von einer Normalisierung entfernt

Sarajewo - Der internationale Bosnien-Beauftragte Wolfgang Petritsch sieht das Land sieben Jahre nach Kriegsende noch weit von einer Normalisierung entfernt. Bosnien-Herzegowina dürfe nicht ein "Dayton-Land", sondern müsse ein "normaler europäischer Staat" werden, betonte der internationale Bosnien-Beauftragte Wolfgang Petritsch gegenüber der in Sarajewo erscheinenden Zeitung "Dnevni avaz" (Montag-Ausgabe). Auch wenn mit dem Friedensvertrag von der Krieg (1992-1995) in diesem Land beendet wurde, seien die Menschen zu sehr von diesem besessen, fügte Petritsch hinzu.

Als seine wichtigste Aufgabe in der verbleibenden Amtszeit bezeichnete der österreichische Diplomat die Umsetzung des Entscheids des Verfassungsgerichtshofs in Sarajewo, alle drei Bevölkerungsgruppen (Moslems, Serben, Kroaten) auf dem gesamten Gebiet Bosnien-Herzegowinas als konstitutiv zu erklären. Er erwarte und verlange eine völlige Realisierung dieses Verfassungsgerichtshofs-Entscheids. "Der Weg dahin führt über die politische Übereinkunft, in der ein Kompromiss unumgänglich ist", betonte Petritsch, dessen Amtszeit als internationaler Bosnien-Beauftragter im Mai endet.

Petritsch, der danach den Posten des österreichischen Botschafters bei der UNO in Genf übernimmt, äußerte sich auch positiv, dass "die gesamte Arbeit über diese Frage bis Mitte März erledigt ist". Sollten sich hingegen die Parteien nicht einigen können, dann werde er den Beschluss des Verfassungsgerichtshofs den Politikern aufdrängen.

Der Diplomat bezeichnete auch die Versuche der internationalen Schutzstruppen SFOR in der vergangenen Woche, den ehemaligen bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic zu verhaften, als "nicht ohne Erfolg". "Persönlich freue ich mich, dass ich der internationalen Gemeinschaft geholfen habe, diesen Prozess zu beschleunigen und dass einige wichtige Staaten beginnen, dieses Problem ernsthafter zu betrachten." Er erkenne auch, "dass bei den Menschen die Überzeugung wächst, dass sie die falschen Leute als Führer gewählt haben". "Langsam aber sicher kommen sie zu dieser Erkenntnis", strich Petritsch hervor.

Ante Jelavic, den Vorsitzenden der Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft (HDZ) in Bosnien, bezeichnete er als "eigensinnig, weil er sich um seine und nicht die Interessen seine Wähler kümmert". Damit kommentierte Petritsch die Weigerung von Jelavic, als HDZ-Vorsitzender zurückzutreten, obwohl er von Petritsch selbst im vergangenen Jahr von dieser Funktion entbunden wurde. Grund für diese Entscheidung war der Versuch von Jelavic, eine eigen kroatische Gebietseinheit in Bosnien zu bilden.(APA)

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