Prof. Michael Krainer über das Schicksal Krebs

18. März 2002, 14:18
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Eine Krebserkrankung kann vererbt sein oder die Folge eines ungesunden Lebensstils. Die meisten Krebsfälle treffen aber völlig gesunde Menschen aus heiterem Himmel. Prof. Michael Krainer von der klinischen Abteilung für Onkologie am Wiener AKH spricht im Interview mit mymed.cc über neue, vielversprechende therapeutische Ansätze.

Das Interview führte Peter Seipel

mymed: Herr Professor Krainer, wie oft ist eine Krebserkrankung vererbt, durch den Lebensstil verursacht oder einfach Schicksal?

Krainer: Zehn bis 15 Prozent alle Krebsfälle sind eindeutig auf eine familiäre Prädisposition zurückzuführen, bei weiteren zehn Prozent spielen Erbfaktoren zumindest eine Rolle. Der Lebensstil ist immer eine wichtige Komponente, denn die Erkrankung bricht ja nicht bei allen genetischen Hochrisikopatienten aus. Eindeutige Zusammenhänge zwischen Lebensstil und Krebserkrankung gibt es zum Beispiel beim Melanom durch zu starke Sonnenexposition oder beim Lungenkarzinom als Folge des Rauchens. Bei Krebserkrankungen von Kindern und Jugendlichen spielen die Lifestyle-Faktoren dagegen kaum eine Rolle. Die häufigsten Krebsarten bei Kindern sind Leukämie, Nierentumore oder Tumore, die vom Nervengewebe ausgehen. Bei Jugendlichen treten relativ häufig Hodenkrebs oder Sarkome, das sind Tumore, die vom Bindegewebe ausgehen, auf.

mymed: Warum erkrankt jemand an Krebs, wenn weder Lifestylefaktoren noch Erbanlagen als Auslöser in Frage kommen?

Krainer: Faktum ist, dass die Ursachen der meisten Krebserkrankungen ungeklärt sind, also schlicht und einfach "bad luck". Es gibt dafür keine seriöse naturwissenschaftliche Erklärung. In unserem Körper ist ein hoch komplexes Überwachungssystem für die Zellteilung tätig, das erstaunlich fehlerfrei funktioniert. Zellen, die sich zu schnell teilen, werden im Normalfall erkannt und zerstört. Eine kleine Fehlfunktion in diesem Netzwerk kann jedoch zu unkontrollierten Wucherungen und in der Folge zu Tumoren führen. Wenn solche Wucherungen im Rahmen von regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen rechtzeitig erkannt werden, sind sie auch in den meisten Fällen heilbar.

mymed: Lässt sich durch gesunde Ernährung dem Ausbruch einer Krebserkrankung vorbeugen?

Krainer: Es ist sicher wichtig, sich möglichst ausgewogen und abwechslungsreich zu ernähren, also viel frisches Obst und Gemüse zu essen und nicht zuviel Fett zu sich zu nehmen. Der Rolle der Ernährung wird meiner Meinung nach aber zuviel Gewicht in der Vorsorge und Bekämpfung von Krebs beigemessen. Es gibt keine Wunderernährung gegen Krebs. Man hat positive Einflüsse von grünem Tee nachgewiesen und eine minimale Schutzwirkung durch den Verzehr von Gemüse. Ob nun aber grünes oder gelbes Gemüse besser ist, worüber derzeit ein Richtungsstreit tobt, ist für mich eine unsinnige Fragestellung.

mymed: Welcher Umweltfaktor ist der gefährlichste Krebsauslöser?

Krainer: Mit Abstand die Sonne. Wir beobachten seit Jahren einen Anstieg der Hautkrebserkrankungen als Folge von ungeschütztem, exzessivem Sonnenbaden. Andere Umweltfaktoren wie schlechte Luft spielen eine weit geringere Rolle. So konnte bisher kein Beweis erbracht werden, dass Stadtluft ein größerer Krebsrisikofaktor ist, als Landluft.

mymed: Welche therapeutischen Ansätze in der Krebsbehandlung sind heute am vielversprechendsten?

Krainer: In der klassischen Chemotherapie hat sich einiges getan. Wir haben heute neue zytostatische Substanzen, die für den Patienten weit besser verträglich sind. Damit kommen wir aber an eine bestimmte Grenze. Mit der klassischen Chemotherapie lassen sich viele Krebsarten in eine chronische Form überführen, aber nicht ausheilen. Es gibt nun neue Wirkstoffe, die Antikörper gegen spezielle Wachstumsfaktoren der Tumorzellen enthalten. Die Therapie bewirkt, dass der außer Kontrolle geratene Zellteilungsprozess im Tumor gestoppt wird. Beim Mammakarzinom konnten wir mit einer Kombination aus Chemotherapie und Antikörpertherapie 20 Prozent mehr Besserungen im metastasierten Stadium erzielen. Andere neue Wirkstoffe blockieren mittels kleiner Moleküle die Weiterleitung des Teilungsimpulses innerhalb der Zellmembran. Diese Medikamente werden mit Erfolg bei chronisch myeloischer Leukämie und bei Bindegewebstumoren im Magen eingesetzt, gegen die es bisher überhaupt keine Therapie gegeben hat.

mymed: Wie groß sind die Chancen für die Entwicklung einer universellen Krebs-Therapie?

Krainer: Medikamente, die Krebserkrankungen im fortgeschrittenen Stadium heilen können, wird es wahrscheinlich mit Ausnahmen nie geben. Neuen Substanzen gelingt es aber immer besser, die Erkrankungen zu stabilisieren und zurückzudrängen. Die wichtigste Maßnahme, um Neuerkrankungen zu verringern, ist heute sicher die Identifizierung von Hochrisikopatienten mittels Genanalyse sowie die entsprechende Vorsorge. Da hat es in letzter Zeit große Fortschritte gegeben. Die größte Herausforderung ist es nun, diese Maßnahme auch in das Gesundheitssystem zu integrieren.

mymed: Herr Professor, wir danken für das Gespräch!



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