Plastischer Chirurg Hanno Millesi wird 75

11. März 2002, 12:28
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Wien - "Ich habe mir als junger Plastischer Chirurg 'weiße Flecken' gesucht. Das war zunächst die Handchirurgie. Und dann war ich nicht zufrieden mit den Ergebnissen bei der Behandlung von verletzten Nerven." - So einfach fasst der Wiener Pionier der Plastischen Chirurgie, Univ.-Prof. Dr. Hanno Millesi, sein Lebenswerk zusammen. - Der Grund: Diese Woche findet im Umfeld seines 75. Geburtstages (24. März) in Wien ein Fachsymposium statt, das sowohl Rück- als auch Ausblick auf jene Techniken bieten soll, die Millesi mit seinem Werk federführend mitgestaltet hat: die Chirurgie an peripheren Nerven.

Werdegang

Am Anfang standen für den am 24. März 1927 in Villach in Kärnten geborenen Millesi das Medizinstudium in Innsbruck und die Ausbildung an der 1. Chirurgischen Universitätsklinik in Wien unter Univ.-Prof. Dr. Leopold Schönbauer. Dieser setzte bereits - als noch viele Chirurgen einfach meinten, "Alles" zu können - auf eigene Spezialisten für plastisch-chirurgische Eingriffe. Univ.-Doz. Dr. Elisabeth Winkler wurde schließlich zu Millesis Lehrerin in dieser Disziplin ab 1955.

Der spätere Leiter der Abteilung für Plastische und Rekonstruktive Chirurgie an der Wiener Universitätsklinik (1982 bis 1995), seit 1996 Ärztlicher Direktor der Wiener Privatklinik: "Ich bin von Schönbauer gefragt worden, ob ich mich dafür interessieren würde. Ich hatte das Gefühl, dass ich dafür geeignet war. Ich glaube, es ist eigentlich das räumliche Vorstellungsvermögen, das einen für die Plastische Chirurgie begabt macht."

Spezialgebiet Handchirurgie

Die Handchirurgie und die Versorgung von Verbrennungsopfern wurden bald zu den Spezialgebieten Millesis. Im alten Wiener AKH gelang es dem Chirurgen, mit der Schaffung einer eigenen Abteilung auch die Versorgung von Verbrennungs-Verletzten an eine Spezialstation zu holen.

Doch den für seinen in Fachkreisen mittlerweile etablierten Weltruf verdankt der Chirurg der von ihm entwickelten Technik der Behebung großer Nervendefekte durch die Transplantation von Nervenfasern. Der Jubilar: "Man hatte schon längere Zeit versucht, solche Defekte zu überbrücken. Man nähte die Enden von abgetrennten Nerven auch unter Spannung wieder zusammen. Doch auch die besten Nahttechniken unter dem Mikroskop verbesserten die Ergebnisse nicht wesentlich."

Millesi begann ab 1962 auch viele Zentimeter lange Nervendefekte durch die Transplantation entsprechend langer Nervenstücke zu überbrücken. Doch dem stand ein Dogma entgegen: Die Plastischen Chirurgen glaubten, dass längere Transplantate schlechter wären. Die Ergebnisse der Operationsserien des gebürtigen Kärntners widerlegten diese Ansicht. Der Plastische Chirurg: "Wenn ein Nerv unter Spannung wieder zusammengenäht wird, bewirkt der Zug eine Vernarbung (Fibrosierung, Anm.). Das schädigt die Funktion. Doch das Einsetzen eines ausreichend langen Stücks bringt eindeutig bessere Resultate."

Technik etabliert

Mittlerweile hat Millesi mit der "spannungslosen Nerventransplantation" bereits weit mehr als 1.000 Patienten selbst versorgt. Der Chirurg: "International hat sich die Technik durchgesetzt."

So wurde der in Wien tätige Spezialist, der auch mit seinen 75 Jahren neben der Ärztlichen Leitung des Privatspitals ein volles Operationsprogramm bestreitet, zu einem international gesuchten Fachmann. Pionierleistungen erbrachte er speziell bei der Behebung von Plexus-Abrissen - also wenn beispielsweise alle Nervenfasern abreißen, die einen Arm oder ein Bein versorgen. Da geht es schlicht und einfach um die Behebung vollständiger Lähmungen.

Auch auf diesem Gebiet hat Millesi neue Strategien entwickelt. So verpflanzte er Hautnerven durch ein in den Beckenknochen geschnittenes kleines "Fenster", wenn der Plexus lumbo sacralis abgerissen ist, der die Beine versorgt.

"Krise"

Freilich, ganz ohne Bedenken betrachtet Millesi die Entwicklung seines Fachgebiets nicht. "Die Plastische Chirurgie ist in einer echten Krise. Sie war immer Vorreiter bei der Entwicklung von Techniken, die andere Gebiete der Chirurgie dann übernahmen. Derzeit fehlt eine solche Innovation. Und dann gibt es einen Shift hin zur rein kosmetischen Chirurgie." Damit könne man natürlich gutes Geld verdienen, doch auch der Konkurrenzkampf sei dabei größer.

Geburtstraumen können die Ursache sein. Dann müssen oft große Schäden überbrückt werden. Der Wiener Plastische Chirurg: "Das gelingt mit Hilfe der Transplantation von Patienten-eigenen Nerven an sich gut." Doch international wird auch an Alternativen gearbeitet. Seit einigen Jahren arbeiten immer mehr Forscher an Techniken, die zu einem Nachwachsen von Nervenfasern führen sollen.

Röhren

Millesi: "So zum Beispiel hat der US-Experte David Chiu ein Verfahren entwickelt, bei dem man Venen praktisch als 'Röhren' zwischen die Enden abgerissener Nerven verpflanzt. In diesen Venen sollen dann die Nervenenden zu einander wachsen." Andere Wissenschafter, zum Beispiel Tim Hems (Glasgow) und Göran Lundborg (Malmö) hingegen setzen auf resorbierbare Röhren aus Glas-Material, die ähnlich wie die verpflanzten Venen funktionieren sollen.

Auch zunächst eingefrorene und schließlich wieder aufgetaute Skelettmuskeln sollen in Zukunft eventuell für beschädigte Nerven zu einem "Milieu" werden, in dem sie wieder nachwachsen können. Der Wiener Plastische Chirurg: "Es gibt ein Problem. Nerven können zwar wieder zu wachsen beginnen, doch ohne sie dabei unterstützende Zellen erfolgt das nur über eine gewisse Strecke."

"Unterfutter"

Deshalb setzen auch Wiener Wissenschafter auf die Züchtung von so genannten "Schwann-Zellen" als eine Art "Unterfutter". Millesi: "Diese Zellen ernähren die Nerven." Sie produzieren auch Wachstumsfaktoren, welche die Nervenfortsätze erneut sprießen lassen sollen.

Neu ist auch eine Technik des brasilianischen Spezialisten Fausto Viterbo: Durch "Anschluss" eines gekappten Nervs an einen intakten soll es zu einer neuerlichen Versorgung eines vorher nicht versorgten Muskelareals kommen. (APA)

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