Liberales Profil der "Zeit" ist tot

12. März 2002, 11:59
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"Die Zeit"-Herausgeberin und Doyenne des politischen Journalismus Marion Gräfin Dönhoff ist im Alter von 92 Jahren gestorben

Hamburg - Die langjährige Mit-Herausgeberin der Wochenzeitung "Die Zeit", Marion Gräfin Dönhoff, ist tot. Das bestätigte die Zeitung am Montag in Hamburg. Dönhoff verstarb im Alter von 92 Jahren.

Die 1909 in Ostpreußen geborene Dönhoff galt wegen ihrer politischen Artikel in der "Zeit" und in mehr als 20 Büchern als eine der meistgelesenen KommentatorInnen in Deutschland. Sie sei eine der herausragenden intellektuellen und moralischen Instanzen, hieß es in der Laudatio anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Birmingham 1999 an sie. Selbstbewusst, meinungsstark, aufrichtig, uneitel und sich selbst immer treu, vertrat sie ihre Positionen - auch unbequeme.

Im Widerstand

1932 begann Marion Gräfin Dönhoff ihr Studium der Volkswirtschaft in Frankfurt am Main. 1933 zeigte sie nach der Machtergreifung der Nazis offen ihre Ablehnung des NS-Regimes und wechselte an die Universität Basel. Längere Reisen durch Europa, Afrika und die USA begann sie 1935, um drei Jahre später doch nach Ostpreußen zurückzukehren. Dort übernahm sie die Verwaltung der Familiengüter.

Von 1940-45 beteiligte sie sich am Widerstand gegen das Regime Adolf Hitlers. Nach dem gescheiterten Attentat von Graf Stauffenberg auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde Dönhoff verhört, kam aber wieder frei. Ende Jänner 1945 floh sie vor den heranrückenden sowjetischen Streitkräften zu Pferde. Der Ritt dauerte sieben Wochen. Sie berichtete darüber später in ihrem Buch "Namen, die keiner mehr nennt" - ihr erster Bestseller. Schloss Friedrichstein wurde vollständig zerstört. "Ein anständiges Deutschland aufbauen, eine gute Zeitung machen", lautete das Credo der Dönhoff, als sie 1946 in die Hamburger Redaktion der "Zeit" eintrat. 1968 übernahm sie die Chefredaktion, seit 1973 fungierte sie als Herausgeberin.

Engagement

Sie engagierte sich in den 60er-Jahren stark in der Ostpolitik und wurde dafür 1971 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. 1999 wurde sie mit dem Bruno-Kreisky-Preis ausgezeichnet.

Die promovierte Volkswirtin editierte zuletzt den Essay-Band "Zivilisiert den Kapitalismus". Darin zeigte die intellektuelle Dame die moralischen Grenzen der wirtschaftlichen Freiheit auf. Alice Schwarzer schrieb 1998 die Biografie der schillernden Persönlichkeit, die unter dem Titel "Ein widerständiges Leben" erschien.

In Vorträgen und Artikeln kommentierte Gräfin Dönhoff politische Fragen der Gegenwart - bezog Stellung zur Apartheid in Südafrika, zum deutsch-amerikanischen Verhältnis, selbst Kritik an Israels Palästina-Politik waren für sie kein Tabu. Zufrieden hatte sie zu ihrem 90. Geburtstag auf ihr Leben zurückgeblickt: "Ich würde alles wieder genau so machen."
(APA/reuters/pte/red)

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