"Die politische Einbildungskraft hat uns wieder mit einem Feindbild versorgt"

11. März 2002, 12:30
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Philosoph Slavoj Zizek über die fast schon wieder salonfähige Folter und den ausgeschlossenen "Homo Sacer"

Wien - Im Rahmen der Wiener Vorlesungen präsentiert das Volkstheater unter dem Titel "Globalisierung und Gewalt - Perspektiven nach dem 11. September" drei Vorträge renommierter Philosophen und Soziologen, die sich mit dieser Thematik auseinander setzen. Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek machte am Sonntag den Anfang dieser Vortragsreihe.

Irreal

Der Denk- und Rede-Maniac Zizek, der mit überzeugender Schamlosigkeit ein Spektakel aus Possen, Vergleichen und Erkenntnissen bietet, sieht die Motivation für die Anschläge des 11. September in einer "Erlösung aus einer falschen Ideologie". "Weil wir in einer unauthentischen Realität leben, ist es notwendig Gewalt anzuwenden, um uns von einer falschen Ideologie zu befreien", so Zizek über die Triebfeder der Terroristen.

Die Bevölkerung nahm die Anschläge wie einen Event im Fernsehen wahr. Für Zizek entspricht "Realität" bestimmten Kriterien. Daher werden Elemente außerhalb dieser Kriterien als Fiktion wahrgenommen. Zizek hat auch hier zwecks besserer Veranschaulichung einen plakativen Vergleich parat: "Stellen Sie sich vor, hier steht ein Kollege von mir. Ich steche ihm jetzt die Augen aus, oder so. Das ist so katastrophal, dass es nicht in die Realität integriert werden kann."

"Homo Sacer"

Über die Arten eines Konfliktes in einer neuen globalen Ordnung meint Zizek Folgendes: Einerseits wird es Konflikte der "Homo Sacer" geben. Der Begriff "Homo Sacer" steht für die Ausgeschlossenen. Hier zieht Zizek einen Vergleich zwischen Konzentrationslagern und Flüchtlingscamps von Hilfsorganisationen. In beiden Lagern sind "Ausgeschlossene", die homo sacer, zu finden. Diese Leute sind nicht nur Illegale, sondern auch Empfänger von humanitärer Hilfe. Daher ist dieser Konflikt der "Homo Sacer" kein wirklicher Krieg. Andererseits sind in einem Konflikt die Hilfskräfte nicht mehr von den Kriegseinheiten auseinander zu halten. "Früher gab es das Rote Kreuz oder einen Austausch von Gefangenen. Heute ist die militärische Truppe gleichzeitig das Rote Kreuz."

Folter und Hoffnung

Als eine der Konsequenzen des Anschlags sieht Zizek, dass Folter wieder salonfähig wird. "Man muss Folter aber öffentlich diskutieren, weil man sich bewusst machen muss, dass es sich dabei um etwas Schreckliches handelt." Weiters wurde für die westliche Welt wieder ein Feindbild erschaffen. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989 fehlte ein gemeinsames Feindbild. Zizek: "Die politische Einbildungskraft hat uns wieder mit einem Feindbild versorgt."

Für den Philosophen bedeutete der Anschlag vor allem auch eine Chance. Eine Chance für die USA ihre Rolle neu zu überdenken, und es eine Chance, über eine neue internationale Ordnung nachzudenken. Beide Möglichkeiten blieben ungenützt. Abschließend meinte Zizek, dass die Effekte des Anschlags auf unsere Gesellschaft noch nicht genau definierbar sind. "Es gibt Hoffnung. Derzeit befinden wir uns in einer offenen Situation."

Zur Person

Slavoj Zizek wurde 1949 in Ljubljana geboren. Er promovierte 1981 in Philosophie an der Universität in Ljubljana und 1985 in Psychoanalyse in Paris. Er war Gastprofessor u.a. in Buffalo, Minnesota, New Orleans, New York, Ann Arbor und Princeton. Zizek arbeitet als Professor an der Universität Ljubljana in Slowenien und ist am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen tätig. Das "enfant terrible" der akademischen Philosophiezirkel setzt die Psychoanalyse als Methode für verschiedenste (Alltags)-Teilbereiche ein: für Film, Medien, Politik, Gesellschaftskritik, Literatur, Kino oder auch Science Fiction. Von ihm stammen u.a die Bücher "Ein Plädoyer für die Intoleranz" (1998), "Das Unbehagen im Subjekt" (1998) oder "Denn sie wissen nicht, was sie tun" (1994).(APA)

Die weiteren Vorträge in der Reihe des Volkstheaters halten am 17.3. Jean Baudrillard und am 7.4. Alexander Kluge (jeweils 11 Uhr).
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