Marion Dönhoff ist tot

12. März 2002, 14:17
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"Zeit"-Herausgeberin und Doyenne des politischen Journalismus

In der Nacht zum Montag ist Marion Hedda Ilse Gräfin von Dönhoff, die 1909 auf einem Schloss in Ostpreussen (Friedrichshain) geboren wurde, auf einem Schloss in Rheinland-Pfalz (Crottdorf) im 93. Lebensjahr gestorben. Dazwischen liegt eine deutsche und europäische Geschichte der Trennungen, gegen welche die Zeit-Herausgeberin Marion Dönhoff ("das Gräfin in der Autorenzeile macht "Die Zeit" dazu, ich unterschreibe Briefe mit Marion Dönhoff") über ein halbes Jahrhundert lang angeschrieben hat: "Ohne Sie und die Unterstützung Ihrer Zeitung hätten wir die Ostpolitik nicht so gestalten können", schrieb ihr 1969 Willy Brandt.

Marion Dönhoff war - als Ressortleiterin in der "Zeit" seit 1955, als deren Chefredakteurin seit 1968 und Herausgeberin ab 1972 - die prominenteste Journalistin Deutschlands. Ebenso interessant aber: Die Tochter eines Reichstagsabgeordneten und einer kaiserlichen Palastdame war ziemlich "schräg".

Gegen den Willen der Familie maturierte sie als einziges Mädchen an einem Berliner Bubengymnasium und studierte anschließend in Frankfurt und Basel Volkswirtschaftslehre. Schon damals reiste sie durch Afrika und die USA. Dann bewirtschaftete sie aber, konsequent unverheiratet, den Gutshof Friedrichshain, zog zwei verwaiste Neffen und sehr viele Kälber und Pferde auf und war gegen Hitler: Eng gehörte sie ab 1943 in den "Kreisauer Kreis", der sich um Helmuth von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg in Ostpreussen gebildet hatte und der über eine deutsche Verfassung und Staatsgliederung nach dem erhofften Sturz Hitlers nachdachte.

Dönhoffs Erinnerungen an Ostpreussen, "Namen, die keiner mehr nennt", beschwören (übrigens auch mit Witz und Selbstironie) eine unscheinbare Landschaft zwischen Russland, Polen, Deutschland: Europa als Kindheits- und Lebensthema. Und sie konnte so gut reiten! Musste sie auch, denn auf der Flucht im Jänner 1945 verbrachte sie immerhin 7 Wochen auf dem Sattel. Ungemein eigenständig ihre Meinungen, besonders zur Deutschen Teilung (schon 1952 sei die Chance eines Zusammenschlusses vergeben worden), zum Deutsch-Polnischen Verhältnis, zu Südafrika.

Schon 1960 kritisierte Dönhoff in Südafrika-Reportagen die Apartheid und stand auf der Seite fast jeden Befreiungskampfes. Und zwar nie "vom Schreibtisch herab", sondern immer als Reisende und als Kritikerin des "selbsüchtigen" Kapitalismus: "Als Karl-May-Leserin schien es mir ein Greuel", schrieb sie im Jahr 1952 von einer Arabienreise, "von Amman nach Bagdad zu fliegen. So wartete ich denn auf das Gemeinschaftstaxi." (rire/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.3.2002)

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