"Ogopogo" sollte Filmstar werden

11. März 2002, 11:28
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Nordamerikas Version von "Nessie" wurde Gegenstand einer heftigen Kontroverse - Ureinwohner gegen Ausbeutung eines "geheiligten Teils ihrer Kultur"

"Ogopogo" ist Kanadas berühmtestes Unterwassermonster, Nordamerikas Version der schottischen "Nessie". Und beinahe wäre das Ungeheuer zu Hollywood-Ruhm aufgestiegen, wäre es nicht Gegenstand einer heftigen Kontroverse geworden.

Das mysteriöse Wesen lebt, wie viele Kanadier glauben, im Okanagan-See, etwa 250 Kilometer östlich von Vancouver. Viele "Augenzeugen" wollen das Monster im 169 Kilometer langen Gewässer gesehen haben. Das prähistorische Untier soll je nach Beschreibung einen schaf- oder pferdeähnlichen Kopf und den 15 bis 30 Meter langen Körper einer Seeschlange haben, mit Höckern bestückt.

Ogopogo als Briefmarkenmotiv. Foto: Archiv

Der erste Bericht von weißen Siedlern über das Monster im Okanagan-See in der Provinz British Columbia stammt aus dem Jahr 1872. Heute gibt es verschwommene Fotos und Videoaufnahmen, die angeblich das Ungeheuer zeigen. Weil der Seeboden schwer zugänglich ist, schreibt die "Kanadische Enzyklopädie", gebe es Spekulationen, wonach Dinosaurier-Eier, die lange in der Erdkruste eingeschlossen waren, durch Erdbewegungen befreit wurden. Vor zwei Jahren boten Tourismusmanager zwei Millionen Dollar, wenn jemand den Beweis für Ogopogos Existenz erbringen könne. Niemand schaffte es.

Also sollte Ogopogo Star eines Hollywood-Animationsfilms werden, einer abgewandelten Version von "E.T.", dem außerirdischen Kinderfreund. Die Filmgesellschaft, die eine mechanische Ogopogo-Kopie für drei Millionen Dollar bauen ließ, wollte den 32 Millionen Dollar teuren Familienstreifen an einem einsamen See in Neuseeland drehen. Doch Produzent Barry Authors hatte seine Rechnung ohne die kanadischen Ureinwohner gemacht. Die beanspruchen Ogopogo für sich - als geheiligten Teil ihrer Kultur.

Legenden ausbeuten

Die Salish glauben schon seit Menschengedenken an ein Wesen im Okanagan-See, dem sie in früheren Zeiten, bevor sie sich auf den See wagten, Tieropfer darbrachten, um es zu besänftigen. Der Häuptling des Stammes von Penticton, Stewart Phillip, erklärte: "Rund um die Welt sorgen sich die Ureinwohner über die Ausbeutung ihrer Legenden und spirituellen Wesen für kommerzielle Zwecke." Phillip erhielt Unterstützung von den Maori, den Ureinwohnern Neuseelands, auf deren traditionellem Territorium der Film "Ogopogo" gedreht werden sollte. Wenn die kanadischen Ureinwohner dagegen seien, wollten die Maori das Einverständnis zu den Dreharbeiten am Wakatipu-See nicht geben, erklärten sie. Produzent Authors will den Film trotzdem drehen - aber ohne den Namen Ogopogo. Der Film werde nun "eine fiktive Kreatur in nordamerikanischer Umgebung" porträtieren. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 11. 3. 2002)

Von Bernadette Calonego aus Vancouver
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