Jospin im Wahlkampf-Gegenwind

12. März 2002, 14:53
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Nach persönlichen Attacken auf Chirac - Französischer Präsident: "Linke will mich mit allen Mitteln erledigen"

Paris - Mit seinen heftigen persönlichen Attacken auf Präsident Jacques Chirac hat sich der sozialistische Präsidentschaftskandidat Lionel Jospin nach Einschätzung der französischen Presse selbst geschadet. Der konservative "Figaro" sah den Amtsinhaber am Dienstag im Aufwind, und auch die linksliberale "Liberation" bemerkte, der Premiermister hätte besser geschwiegen. Der Neogaullist Chirac ging derweil zum Gegenangriff über und kanzelte Jospins Äußerung als Entgleisung ab.

In Frankreich wird am 21. April und 5. Mai ein neuer Präsident gewählt, die Umfragen gaben Jospin bisher einen knappen Vorsprung. Chirac warf in einem Fernsehinterview am Montagabend der Linken vor, ihn "mit allen Mitteln erledigen zu wollen". Er sei für sie das letzte Hindernis, den ganzen Staat in Beschlag zu nehmen. Deshalb würden gegen ihn extremistische Methoden angewandt und "Gerüchte und Verleumdungen" verbreitet, erklärte der Präsident.

Chirac wegen Skandalen unter Druck

Chirac spielte auf die Rückkehr des ehemaligen RPR-Politikers Didier Schuller nach jahrelanger Flucht an. Schuller soll im Großraum Paris Schmiergelder für die Parteikasse als Gegenleistung für die Vergabe öffentlicher Aufträge eingetrieben haben. Ein ähnliches System soll es auch in Paris unter dem damaligen Bürgermeister Chirac gegeben haben. Zudem erschien jüngst ein Buch des Untersuchungsrichters Eric Halphen, der in dieser Affäre ermittelt hat. Halphen, der Chirac eine Zeugenvorladung in den Elysee-Palast schickte, schildert darin, wie er bei seiner Arbeit bespitzelt und behindert wurde.

Jospin hatte am Wochenende bei einem Gespräch mit Journalisten auf einem Flug gesagt, der 69 Jahre alte Chirac sei "erschöpft, gealtert und Opfer eines gewissen Verschleißes". Später versicherte er, diese Äußerung sei eigentlich nicht zur Veröffentlichung bestimmt gewesen. Chirac erklärte, er wolle einen würdigen Wahlkampf führen und forderte seinen Konkurrenten auf, endlich ein klares Wahlprogramm vorzulegen. Jospin will seine Pläne am kommenden Montag vorstellen.(AP)

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