Taktik, Fingerspitzengefühl - und viel Geduld

11. März 2002, 10:57
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Das Gleichstellungsreferat der Europäischen Kommission leistet Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit bei der Einführung von Gender Mainstreaming

Gender Mainstreaming ist nicht sexy. Es ist nicht direkt sichtbar nach außen und seine Wichtigkeit lässt sich daher oft schwierig glaubhaft machen. Es auf EU-Ebene trotzdem erfolgreich zu "verkaufen" ist die tägliche Arbeit der MitarbeiterInnen des "Referats für Gleichstellung von Frauen und Männern" der Europäischen Kommission. "Eine unserer Hauptaufgaben ist die Umsetzung und das Monitoring der "Rahmenstrategie zur Geschlechtergleichstellung" - einer Art Selbstverpflichtungserklärung der Kommission, Gender Mainstreaming konsequent bis spätestens 2005 in deren Dienststellen und Politiken einzuführen", schildert Verwaltungsrätin Katja Reppel. "Da unser Referat aber keine dienstübergreifende Entscheidungsbefugnis hat, sondern die normalen hierarchischen Strukturen beachten muss, bedarf das ziemlich viel Fingerspitzengefühl, Verhandlungstaktik und Geduld".

Das Gleichstellungsreferat ("Referat EMPL.G.1") ist eines von vielen Referaten der Generaldirektion für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten. Bei der Umsetzung der Rahmenstrategie kümmern sich seine MitarbeiterInnen darum, dass auch die anderen Generaldirektionen, wie etwa Wirtschaft und Finanzen oder Umwelt, die Gleichstellung in ihren Arbeitsbereichen und Projekten berücksichtigen. Eine Arbeit, deren Ergebnisse eben nicht sofort sichtbar sind, aber indirekte Auswirkungen haben: Sie finden sich in Vorschlägen und Dokumenten wieder, die dann in Rat und Parlament eingebracht und später zu Gesetzen und Richtlinien werden. Die tatsächlichen Erfolge werden erst viel später konkret - wie zum Beispiel in der Flüchtlingsfrage, wo nun auch geschlechtsspezifisch untersucht wird, ob jemand im Land bleiben darf, weil Immigranten bei einer Rückkehr ins Herkunftsland auch unterschiedlichen Gefahren ausgesetzt sind.

Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit

Um ihre Anliegen erfolgreich in die Praxis umsetzen zu können, ist hauptsächlich Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit nötig, schildert die Verwaltungsrätin - und Zahlen, Zahlen, Zahlen, um alles Gesagte mit Statistiken belegen zu können: "Das hängt damit zusammen, dass viele gar nicht wissen, was Gender Mainstreaming eigentlich ist. Wir stoßen oft auf Mauern, weil andere sagen: 'Wir machen keine Frauenförderungspolitik' - dabei kann es ja, wenn nötig, genauso auch eine Förderung für Männer sein." Wie etwa mit der "2nd Chance School", in der Männer ohne Schulabschluss - in der EU sind das mehr als Frauen - einen zweiten Anlauf nehmen können.

Stolpersteine

Dass Gender Mainstreaming wichtig sei, zeige sich schon bei kleinen, kommissionsinternen Alltags-Angelegenheiten: "Mittwoch nachmittags sind hier in Belgien beispielsweise die Schulen nachmittags geschlossen - wenn ein Meeting nun an diesem Tag etwa um 15.30 angesetzt wird, dann können nur Männer daran teilnehmen, die Mütter müssen sich um die Kinder kümmern", beschreibt Reppel klassische "Stolpersteine". "Auch das ist also zum Beispiel Gender Mainstreaming, obwohl es mit der Substanz selbst nicht viel zu tun hat. Nur: das nach außen hin verständlich zu machen ist oft schwierig."

Man dürfe aber auch nicht automatisch verlangen, dass alle diesen Ansatz sofort verstehen - und Männer nicht automatisch zu Gegnern erklären. "Als die Kommission 1996, nach der Pekinger Frauenkonferenz, erklärte, Gender Mainstreaming einzuführen, wussten viele Kollegen nicht, was man von ihnen erwartet - es gab daher früher viel Ignoranz und Indifferenz". Jetzt, wo die Unterschiede zwischen Männern und Frauen mit Fakten belegt werden können, habe sich viel zum Positiven verändert: "Prinzipiell wollen jetzt alle mitmachen - durch das konkrete Aufzeigen der Unterschiede in den einzelnen Arbeitsbereichen sind auch die Skeptiker aufgeschlossener." Oft läge es also nur an Informationsmangel, dass die Dinge sich nicht gut entwickelten oder man zunächst auf Ablehnung stoße.

Frauenförderungsprogramm

Neben dem Umsetzen der Rahmenstrategie beschäftigen sich die MitarbeiterInnen des Gleichbehandlungsreferats auch mit der weiteren Entwicklung der EU-Gesetzgebung im Bereich Geschlechtergleichstellung und dem Management eines Förderprogramms zur Einbindung von Frauen-NGOs in die Entscheidungsstrukturen der Kommission. "Das geht von Anfragen im Internet über die Beantwortung von E-Mails bis hin zur direkten Förderung von Projekten." Viele Frauen reichen ihre Projekte automatisch im Gleichstellungsreferat ein - das darf aber nicht finanzieren, was schon von anderen Generaldirektionen finanziert wird. "Oft trauen sie sich nicht, sich an eine andere Stelle zu wenden, weil sie bei uns auf mehr Verständnis für ihre Anliegen hoffen - unsere Aufgabe ist es daher auch, gezielt zu informieren, was es sonst noch gibt."

Besonders im Umweltbereich habe das Programm in Zusammenarbeit mit der Generaldirektion Umwelt schon Erfolge gezeigt: Hier werden konkret Projekte gefördert, die von Frauen umgesetzt werden und es fließen auch sozioökonomische Aspekte in die Entscheidungen der GD Umwelt mit ein. "Frauen setzen bei Projekten oft ganz andere Prioritäten - bei der Stadtentwicklung berücksichtigen sie zum Beispiel eher die Bedürfnisse von Kindern", sagt Reppel. Derlei Projekte würden deshalb aber nicht etwa unter der Überschrift "Frauenpower" gehandhabt, "sondern unter 'Urbane Planung verbessern'". Aber auch im Bereich Wissenschaft gäbe es große Fortschritte zu verzeichnen, oder auch in der Wirtschaft - Stichwort "Gender Pay Gap", der jetzt näher angeschaut wird.

Frauen-Wissen gefragt

In den Frauen-NGOs habe die Kommission übrigens auch eine wichtige Ressource entdeckt: "Die Fachfrauen und Wissenschafterinnen, die dort arbeiten, sind eine ernstzunehmende Basis von Wissen - sie konkret an Entscheidungen mitarbeiten zu lassen und in Fragen einzubinden, eröffnet ganz neue Perspektiven der Zusammenarbeit und es ist ein phantastischer erster Schritt, die Kommission bürgernah zu machen." Ein großes, aktuelles Thema wären hier zum Beispiel die biologischen Unterschiede und geschlechtsspezifischen Auswirkungen im Gesundheitsbereich. "Hier braucht es Frauen in Entscheidungspositionen, um im richtigen Moment die richtigen Fragen zu stellen, die in einer reinen Männerrunde gar nicht auftauchen würden."

Isabella Lechner

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    europäische kommission
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