15.643 menschliche Überreste

11. März 2002, 13:56
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Ein halbes Jahr nach Attentaten auf World Trade Center erst 754 Tote identifiziert

New York/Linz - 350 Menschen arbeiten im Büro des New Yorker Chief Medical Examiners, des obersten Gerichtsmediziners. Ihre reguläre Aufgabe: Sie müssen alle unnatürlichen und verdächtigen Todesfälle im Gebiet von New York City untersuchen. Seit dem 11. September arbeitet der Großteil der Belegschaft, unterstützt von Bundesbeamten, aber auf einem anderen Gebiet - sie müssen die Toten der Attentate identifizieren. Ein Ende ihrer Arbeit ist zurzeit noch nicht absehbar.

"Derzeit haben wir 15.643 menschliche Überreste gelagert", erzählt Ellen Borakovi, Pressesprecherin des Büros, im Gespräch mit dem STANDARD. 754 Tote wurden bisher identifiziert, der Großteil über ihr Gebiss, 160 mittels DNA-Analyse. "Rund 2000 Menschen sind bisher aber noch nicht zugeordnet", gesteht Borakovi ein.

Obwohl knapp 125 Mitarbeiter in den Labors versuchen, die Herkunft einzelner Leichenteile mittels Gentest zu klären, wächst die Arbeit. "Alleine am Donnerstag sind 90 neue Überreste angekommen", schildert die Pressesprecherin die Aufgabe. Die Gebäudetrümmer von Ground Zero werden auf eine ehemalige, planierte Mülldeponie im Stadtteil Staten Island gebracht, wo Experten den Schutt nach menschlichen Überresten durchsuchen.

Unzählige DNA-Proben

Das grausige Puzzle erfordert enormen Aufwand: Von Tausenden Angehörigen müssen Speichelproben genommen werden, die einzelnen Überreste, vom Hautfetzen bis zum zermalmten Knochen registriert werden. Trauriger Rekord laut Borakovi bisher: 83 Teile konnten mittels DNA-Test einer einzigen Person zugeordnet werden.

Wie lange die Arbeiten noch dauern werden, wagt man in New York nicht abzuschätzen. Aus diesem Grund verzichten viele Hinterbliebene auch noch darauf, ihre Angehörigen zu bestatten. "Viele Menschen wollen warten, bis alles zu Ende ist, um zu verhindern, dass sie ihre Toten zu früh bestatten und später das Grab neuerlich öffnen müssen, falls noch ein Überrest entdeckt wird", sagt Borakovi. (DER STANDARD, Print, 11.3.2002)

Michael Möseneder
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