Kolumne: Politische Fritteuse

11. März 2002, 21:32
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Biljana Srbljanovic über eine Thema das verbraucht, uninteressant und veraltet ist - Den Milosevic-Prozess

Jeder redet über irgendetwas - ich über den Milosevic-Prozess. Es tut mir Leid, dass ich das Thema wieder aufwerfe, ich weiß, dass es für die Weltöffentlichkeit schon ganz verbraucht, uninteressant, veraltet ist. Auf meiner Frankreichreise in der vergangenen Woche fand ich in den Medien keinerlei Hinweis auf den weiteren Verlauf der Verhandlung. Dabei ist dies für mein Land von schicksalhafter Bedeutung: Davon, ob die neue Regierung alle von der Anklage Gesuchten ausliefert, hängt es ab, ob die versprochene Finanzhilfe nach Jugoslawien gelangt.

Sein oder Nichtsein

Diese Hilfe ist hundertmal geringer als der Schaden, den die Bombardierungen der Nato im Land angerichtet haben, sie ist weit geringer als das, was für die Überstellung von Milosevic an das Tribunal versprochen war, sie ist viel, viel geringer als das Minimum, das Jugoslawien braucht - aber trotzdem für uns alle äußerst wichtig. Und wenn die Bürger aus den einheimischen Medien erfahren, dass es um "Sein oder Nichtsein" geht, dann denke ich in meiner Naivität, dass der "Jahrhundertprozess" auch für die Weltöffentlichkeit irgendwie Bedeutung hat. Aber beim Surfen durch die TV-Kanäle im Lyoner Hotelzimmer stellte ich fest, dass die Sache etwas anders aussieht.

Milosevic, Jugoslawien, die Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal, vor allem die Finanzhilfe werden nirgends erwähnt. Nur für einen Augenblick kam der parodistische Versuch einer Verhaftung von Radovan Karadzic ins Bild, dann verschwanden die serbischen Themen wieder.

Nebensächlichkeit

Warum die Journalisten so agieren, verstehe ich schon: Schließlich haben wir jahrelang die "Prime times"und Titelseiten der Weltmedien okkupiert. Trotzdem kann ich mich nur wundern, wenn ich sehe, dass etwas, wovon das Schicksal von zwölf Millionen Menschen abhängt, nun auf einmal so nebensächlich ist.

Es geht hier nicht nur um politische oder finanzielle Fragen, es geht im Wesentlichen um die Konfrontation mit den Verbrechen, die die Welt zehn Jahre lang erschütterten, und es geht um die Gründe, weshalb das Neue Europa in seinen ersten Krieg eintrat.

Viel wichtiger als das Schicksal der Opfer, das Schicksal ganzer Völker ist aber offenbar ein schlampiger Koch in der Gerichtskantine, der das Öl in einer Fritteuse überhitzt, sodass die Küche in Brand gerät - das ist interessant genug, um auf der internationalen Medienkarte vermerkt zu werden.

Brodelnde Fritteuse

In meinem Land mitten in Europa brodelt es jedoch genauso wie in der erwähnten Fritteuse. Die Weltpolitiker drängen unsere Regierung zur bedingungslosen Auslieferung aller vom Tribunal Angeklagten, und die Bürger, die den ungeschickten Prozess gegen Milosevic verfolgen, können nicht begreifen, warum man auf neuen Angeklagten besteht, wenn das Gericht nicht einmal mit dem fertig wird, den es vor sich hat.

Milosevic' arrogantes "Allein-gegen-alle"-Verhalten, mit dem er das Gericht diskreditieret, setzt ihn wieder auf die Liste der populären Politiker, von der er, wie wir hofften, längst gestrichen war. Die Öffentlichkeit hier ist uneinig, es droht eine Spaltung in der neuen Regierung, all das führt das Land in die schwerste Krise seit den demokratischen Veränderungen, und bei alldem ist der Brand in der Küche das Interessanteste.

Ich fürchte, dass sich auch unsere kleine, lokale politische Fritteuse aus all diesen Gründen überhitzt und in Brand gerät und dass all das in Rauch aufgeht, was durch den Brand von Milosevic' Parlament am 5. Oktober 2000 mühsam verwirklicht wurde. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 11.3.2002)

Die Autorin lebt als Dramatikerin und Schriftstellerin in Belgrad; sie schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag, alternierend mit der Publizistin Barbara Coudenhove-Kalergi.

Übersetzung aus dem Serbischen: Barbara Antkowiak

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