Ein anderer Rahmen nach dem Attentat

17. März 2002, 19:26
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Gegen Klischees: Slavoj Zizek bei "Globalisierung und Gewalt" im Volkstheater

Wien - Unerwartetes kann in der Sonntagsmatinee-Reihe "Globalisierung und Gewalt. Perspektiven nach dem 11. September" - konzipiert vom Volkstheater und dem STANDARD - erwartet werden: Die erste Veranstaltung - mit dem slowenischen Philosophen Slavoj Zizek vor vollem Haus - lässt das erhoffen. Denn Zizek bewies, dass zum Thema sehr vieles noch gar nicht besprochen und überlegt wurde. Und dass gleichzeitig Klischees zerstört werden müssen.

Erste Attacke: Gegen die oft gebrauchte Phrase, nach dem 11. September sei "nichts mehr, wie es einmal war". Da fragt Zizek: Was war eigentlich? Da war eine Realität in Wohlstandsgesellschaften, die oft als sehr künstlich empfunden wurde. Ob da, fragt er, die in den USA immerhin von etwa zwei Millionen Menschen betriebenen Techniken der bewussten Verletzungen des eigenen Körpers nicht verzweifelte Versuche sind, "unmittelbare, authentische Realität", nämlich die des Körpers, wiederzugewinnen?

Wirklich "virtuell"?

Die "Wirklichkeit" in dieser Welt beruht auf Übereinkunft, auf dem Versuch, einen mittleren Normalzustand im Gleichgewicht zu halten. Weshalb Extreme - und auch andere Welten - ausgeschlossen werden. Damit kann Zizek den enormen Schock des Terrorangriffs sehr gut erklären: als Einbruch einer derart massiven Realität in den "Normalzustand", dass die recht domestizierte Alltagsrealität damit kaum zurechtkommt und das Neue als "Albtraum" deuten muss.

Und er kann auch die Ausschließung anderer Welten erklären: Während bei den Fernsehbildern des WTC-Einsturzes gleich das postmoderne Klischee vom "Virtuellen" bemüht wurde, sei nicht thematisiert worden, dass man in der "ersten Welt" die realen Bilder realen Leidens in der "dritten Welt" - hungernde Kinder, Krieg - nur noch als virtuelle Bedrohung auffasst.

Zweite Attacke: Slavoj Zizek nahm - immer mit der grimmigen Miene des Seeräubers - die Reaktionen auf den 11. September zum Ausgangspunkt, "linke" und "rechte" Äußerungen ihrer Kurzsichtigkeit zu überführen. Die "rechte" Position: Bedroht sei die abendländische Tradition der Demokratie, die mit Militär verteidigt werden müsse. Zizek: "Ich fürchte nicht die direkte Militarisierung, sondern den toleranten Militarismus, der dann auch noch den Koran studiert."

Massiv aber auch die "linken" Klischees nach dem 11. September, die oft zwar mit dem Bedauern für die Opfer eingeführt wurden, woran aber doch "die Amerikaner" selbst schuld trügen, das "Finanzkapital" oder gar der (in den Türmen angeblich sichtbare) "Phallozentrismus".

Zizek sieht darin nur Abwege von den entscheidenden ethischen Fragen: Statt Gegensätze aufzubauen, müssten gerade die eigenen Rahmen verlassen werden. Dann würde der Blick frei auf die ungleiche Verteilung von Chancen, die Zizek ganz ökonomisch sieht - und nicht in einem Ideenhimmel eines "clash of cultures".

Und wie der Rahmen der eigenen Welt verlassen werden könnte, dafür brachte der Philiosoph - auch in seinem anschließenden Gespräch mit STANDARD-Kulturressortleiter Claus Philipp - ein schönes, sehr aktuelles Beispiel: In Israel weigerten sich einige Offiziere, in Flüchtlingssiedlungen einzudringen. Sie waren also nicht bereit, für die Erhaltung des selbstkonstruierten Rahmens ohne Differenzierungen zu attackieren.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 3. 2002)

Von
Richard Reichensperger

Am 17. März spricht in der Reihe Jean Baudrillard, am 7. April Alexander Kluge.
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