Mickey Mouse klont sich jetzt in Paris

11. März 2002, 12:37
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Paris erhält nächste Woche zweites Disneyland

Paris - Die ersten Glücklichen waren die Aktionäre. 7000 an der Zahl durften Ende Februar in einer Vorpremiere den zweiten Disney-Vergnügungspark außerhalb von Paris besuchen und zwischen Attraktionen wie Stuntshow, Studiotour oder Armageddon-Special-Effects wählen.

Man ahnt es: Der jüngere Bruder des zehn Jahre alten Parks ist der Kino- und Medienwelt gewidmet. Die schlaue Mickey Mouse fängt damit gleich zwei Fliegen auf einen Schlag: Zum einen siedelt der Weltkonzern Disney einen Teil seiner Trickfilm- und Fernsehproduktion mitten im europäischen Markt an; und weil diese Aktivitäten so faszinierend sind, dürfen die Konsumenten bei den Studioaufzeichnungen des TV-Senders "Disney Channel" gleich zuschauen und Publikum spielen.

Die Fans aus ganz Europa kommen aber auch sonst auf ihre Rechnung: "Ihnen stehen in Zukunft", so Eurodisney-Vizevorsteher Jeff Archambault, "gleich zwei Destinationen zur Verfügung, damit sie ihre Reise rentabilisieren können." Disneyland eins und Disneyland zwei. Der erste, 1992 eröffnete 40-Hektar-Park ist mit jährlich gut zwölf Millionen Besuchern mehr oder weniger ausgelastet. Der zweite, ein Filmpark, der am 16. März gleich daneben eröffnet wird, soll auf seinen 20 Hektar weitere 4,5 Millionen Besucher anziehen. Vom Thema her eher Jugendliche als Kinder mit ihren Eltern.

Drei Fliegen auf einen Streich

Womit Mickey sämtliche Altersklassen und damit eine dritte Fliege trifft. Nicht zuletzt deshalb hat sich der Wert der Eurodisney-Aktie seit dem Tiefststand von 0,5 Euro im vergangenen September wieder verdoppelt. Dazu steigt die Zahl der Hotelbetten im Pariser Märchenreich um 2200 auf 8000. Rundherum schießen die Bauten einer ganzen, sehr realen neuen Stadt aus dem Boden: 12.000 Menschen wohnen bereits auf dem ehemaligen Acker.

Trotzdem ist nicht alles rosig bei Disney. Nach den Anschlägen des 11. September geht es dem Konzern in den USA weniger gut als früher, und selbst in Paris bleibt die katastrophale Eröffnung des ersten Parks 1992 in schlechter Erinnerung.

Der 700 Mio. Euro teure Filmpark drückt zudem stark auf Eurodisneys Jahresgewinn. Das Ende September zu Ende gegangene Geschäftsjahr schloss mit einem Besucherrückgang um vier Prozent. Aber Eurodisney kann damit leben. Das Unternehmen für Junggebliebene kommt mit seinen zwei Pariser Parks fast auf ein Sechstel aller 105 Millionen europäischer Themenparkbesucher.

Wachstumspotential

Mit Einnahmen von einer Mrd. Euro im Jahr frisst der Branchengoliath in Paris allein die Hälfte des Umsatzes sämtlicher westeuropäischer Themenparks. Die europäische Konkurrenz merkt nun, welches Wachstumspotenzial sie auf dem alten Kontinent hat: In den USA wiegt das Geschäft mit den Vergnügungsparks viermal so schwer wie in Europa. Nun kommen auch die Europäer langsam auf den Geschmack.

In erster Linie sind es die Franzosen: In der geologisch reichen Auvergne-Gegend hat im Februar "Vulcania" die Tore geöffnet; im Elsass ist ein "Biopark" geplant und an der Loire ein riesiger "Grün-Park". Im deutschen Ruhrgebiet plant der französische Mischkonzern Vivendi Universal seit neustem den zweitgrößten Themenpark Europas, der wie Disneys neustes Kind der Medienwelt gewidmet sein wird. Bestehende Parks werden in Frankreich aufgemöbelt, wie das bereits 15 Jahre alte "Futuroscope", das mit einem in Europa einzigartigen 3-D-Kino heuer zwei Millionen Besucher anlocken will.

Ein mindestens so hohes Publikumsziel hat der Asterix-Park nördlich von Paris, der kürzlich seine Pforten neu geöffnet hat. "Dank dem gleichzeitigen Kinostart des Asterix-Films "Mission Kleopatra" rechnen wir mit einem großen Besucherandrang", meint Agnès de Warenghien, Sprecherin des Parkbesitzers Grévin&Cie., der seinen Umsatz 2001 trotz Branchenkrise und Renovierungsarbeiten um 18 Prozent steigerte. Mit Park, Spielfilm und einem neuen Comicsband verzeichnet der kleine Gallier Rekordeinnahmen. Asterix wird heute in Frankreich mindestens so gut vermarktet wie Mickey: Der zaubertrankgestärkte Streiter wider ausländische Invasoren zierte in Frankreich unlängst die Pappbecher der US-Fastfood-Kette McDonald's. (Standard-Korrespondent Stefan Brändle aus Paris, der Standard, Printausgabe, 11.03.02)

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