"Klotzen statt kleckern"

11. März 2002, 11:57
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EU will mit neuem Forschungsprogramm US-Technologieentwicklung Paroli bieten

Wien - "Mit dem 2003 startenden neuen EU-Forschungsprogramm macht Europa einen Siebenmeilenschritt. Es bringt völlig neue Strukturen in der Förderung, der Organisation und der Finanzierung. Unsere große Frage ist: Wie bringen wir da österreichische Unternehmen und Forschungsinstitutionen hinein", sagt Raoul Kneucker, Chef der Forschungssektion im Wissenschaftsministerium.

Zielvorgabe

Immerhin geht es im sechsten EU-Rahmenprogramm für die Forschung um Fördermittel von 17,5 Mrd. Euro. Eine Zielvorgabe ist, dass heimische Organisationen wenigstens so viel an Förderungen aus dem Programm lukrieren, um Österreichs Beitrag zu dessen Finanzierung zumindest auszugleichen. Im auslaufenden fünften Programm scheint dies zu gelingen.

Um dies auch im neuen Programm (bis 2006) zu erreichen, werden aber besondere Anstrengungen notwendig sein, betont Kneucker im Gespräch mit dem Standard. Denn die dabei vorgesehenen neuen Förderinstrumente stellen vor allem Länder mit mittelständisch orientierten Wirtschaften vor große Herausforderungen.

Lief die europäische Forschungsförderung bisher über Einzelprojektförderungen im Rahmen thematischer Ausschreibungsrunden, gibt es nun neue Förderschienen.

Die gewichtigste ist jene der "Integrierten Programme". Das sind stark industrieorientierte Schirmprojekte, in denen große, internationale Konsortien nach Ausschreibungen in strategischen Themenfeldern arbeiten. Die Förderquote soll dabei bis zu 50 Prozent der Gesamtkosten reichen. Die EU-Kommission will damit kritische Massen an Ressourcen und Kompetenz kreieren, um in der Technologieentwicklung Terrain gegenüber den USA aufzuholen.

"Da geht es um sehr viel Geld", sagt Kneucker, "erwartet werden durchschnittliche Volumina von 100 Mio. Euro. Das erfordert schon eine industrielle Organisation, die zu managen nur große Unternehmen in der Lage sind. Damit werden alle kleinen Länder Probleme haben." Immerhin soll es aber schon drei österreichischen Initiativen für Integrierte Projekte geben, zwei aus dem Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie, eine aus dem Biotech-Sektor.

Forcierte Großprojekte

Welches Gewicht die Integrierten Projekte in der EU-Forschungslandschaft bekommen werden, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Briten etwa wollen gleich zwei Drittel des Gesamtvolumens über Integrierte Projekte abgewickelt sehen. Ein Drittel bis zur Hälfte der Fördermittel dürfte wohl tatsächlich in diese Großprojekte fließen.

Dass in diesen Strukturen die Klein- und Mittelbetriebe zu kurz kommen könnten, war die große Sorge vieler Länder. So finden sich im Programm nun eine Reihe von Maßregeln, die besonders auf KMU Rücksicht nehmen. Eine mit 450 Mio. Euro dotierte Programmlinie fördert etwa Forschungstätigkeiten mit Beteiligung von KMU.

Darüber hinaus wird verankert, dass in allen Programmlinien mindestens 15 Prozent der Fördervolumina den KMU zugute kommen müssen. Das heißt: Auch Konsortien bei Großprojekten werden sich um die Beteiligung der KMU kümmern müssen. Mittlerweile scheint auch ein Punkt entschärft zu werden, der besonderen Anlass zur Sorge gab: Projektmitgliedern wird im neuen Programm für den Konkursfall eine gesamtschuldnerische Haftung auferlegt, für KMU aber auch vollrechtsfähige Unis ein tödliches Risko. Die Kommission habe nun aber angedeutet, dass sie dieses Probleme über Versicherungen lösen und dabei auch die Versicherungskosten zu 100 Prozent abdecken will. "Dann", so Kneucker, "sind wir beruhigt." (Johannes Steiner, Der Standard, Printausgabe, 11.03.02)

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