Handytarife: Brotpreispolitik 2002

8. März 2002, 23:03
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Handygebühren sind zu hoch, lautet seit einiger Zeit der Schlachtruf der EU-Kommission, angeführt von ihrem Wettbewerbshüter Mario Monti und sekundiert vom Technologiekommissar Erkki Liikanen. Und es stimmt, es gibt Tarife, die sich am besten als Wegelagerergebühren beschreiben lassen: Wer aus dem Urlaub regelmäßig die Lieben zu Hause anruft, ist nach der Abrechnung daheim schnell wieder reif für die Insel. Tarife von einem Netz in ein anderes sind ebenso überzogen wie vom Festnetz zum Handy.

Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite: Anschaffungspreise gegen null und verträgliche Tarife für die meisten Gespräche haben dafür gesorgt, dass aus dem "Autotelefon" für Privilegierte ein Accessoire bereits für Zwölfjährige wurde. Und die meisten Staaten der EU haben durch exorbitante Lizenzgebühren für UMTS dazu beigetragen, die Mobilfunker zu einem der höchstverschuldeten Industriezweige zu machen.

Der vorschnelle Griff zur Regulierungsschraube ist darum ein Stück EU-Populismus, eine Art Brotpreispolitik für das 21. Jahrhundert. Klar, wenn Familien unter der kombinierten Last von vier oder fünf Handyrechnungen stöhnen, werden sie der Kommission für das Versprechen billigerer Gebühren dankbarer sein als für den politischen Gewinn der Osterweiterung.

Es ist jedoch gleichzeitig eine Abkehr von der Deregulierungs-und Marktphilosophie, die im vergangenen Jahrzehnt etwas Bemerkenswertes hervorbrachte: eine international konkurrenzfähige Technologie, bei der Europa (noch) die Nase vorn hat. Ihr Massenpublikum verdankt sie neben dem praktischen Nutzen einem Umstand: insgesamt billig zu sein. Die Anbieter werden gut daran tun, ihre Akzeptanz nicht damit zu gefährden, indem sie dort zulangen, wo scheinbar keiner schaut. (DER STANDARD, Print-Ausgabe)

Ein Kommentar von Helmut Spudich

EU will Handytarife regulieren
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