Freizeitforscher: Der Tourismus wandelt sich

10. März 2002, 11:00
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Vom "Wohlstands-" zum "Wohlfühltourismus"

Wien - Die kooperierenden Forschungsinstitute, das Ludwig Boltzmann Institut für Freizeit- und Tourismusforschung und das deutsche B.A.T. Freizeit-Forschungsinstitut, haben die Ergebnisse der 7. Österreichischen und der 18. Deutschen Tourismusanalyse 2002 präsentiert. Rückblickend ist feststellbar, dass sowohl in Österreich wie auch in Deutschland Urlaubsreisen aufgrund der Konjunkturkrise vorübergehend an Bedeutung einbüßen. Der Wunsch nach lauten Events und schnellen Erlebnistrips hält sich vorerst in Grenzen. Laut dem Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung, Peter Zellmann, zeichnet sich ein Wandel vom Wohlstands- zum Wohlfühltourismus ab.

Die Trends

Die Bilanz der vergangenen Reisesaison 2001 zeigt, dass in Österreich die Reisefreudigkeit eher zunimmt, der langjährige Durschnittswert damit aber noch nicht erreicht ist. Der Kurzzeitreiseboom der zwei- bis viertägigen Reisen hält mit einem Anteil von acht Prozent an. Das Segment der Kurzurlauber zwischen fünf und 13 Tagen hat sich aber von 18 Prozent auf einen 14 Prozent Anteil deutlich verringert. Die Reiseintensität der deutschen Bundesbürger, die wenigstens fünf Tage verreisten, erreichte den tiefsten Stand seit der deutschen Wiedervereinigung und hielt 2001 bei 51 Prozent. Der Rückgang ist auch bei Reisen von mehr als zwei Wochen feststellbar. In Übereinstimmung mit der Entwicklung in Österreich steigt das Interesse an Kurztrips von zwei bis vier Tagen. Erstmals seit vier Jahren ist in Österreich eine Steigerung der durchschnittlichen Reisedauer von 12,3 (2000) auf 12,8 (2001) Tage zu vermerken. Im Durchschnitt bleibt die Reisedauer aber deutlich hinter dem deutschen Durchschnitt von 14,2 Tagen.

Laut Horst Opaschowski vom B.A.T. Freizeit-Forschungsinstitut ist in Deutschland heuer das Inland und Italien als Reiseziel im Aufwind. Der Deutschlandurlaub gilt in der kommenden Saison als touristischer Krisengewinner. Im vergangenen Jahr entschieden sich 20 Prozent der Bundesbürger für einen Urlaub im eigenen Land. 2002 ist der Anteil auf 23 Prozent gestiegen, was hochgerechnet einer Zuwachsrate von rund 1,9 Mio. Urlaubsreisenden entspricht. Die deutsche Hitliste der Reiseziele wird nach wie vor von Spanien (13 Prozent), Italien (neun Prozent) und Österreich (sieben Prozent) angeführt. Dennoch wird sich der seit 1999 zu beobachtende Abwärtstrend zu Lasten Spaniens auch in der kommenden Saison fortsetzen. Deutlich drängen Griechenland (sechs Prozent) und die Türkei (sechs Prozent) nach.

Inszenierung des Wohlbefindens

In Österreich scheint sich die Reiseeuphorie des Vorjahrs nicht zu wiederholen. 32 Prozent sind jetzt schon sicher nicht zu verreisen. Mit einem Rückgang um zwei Prozent sind 43 Prozent zu einer Reise festentschlossen. Der Balkantrend wird sich auch heuer wieder fortsetzen. Griechenland (zehn Prozent), vor allem aber die Feriengebiete Sloweniens und Kroatiens (neun Prozent) und die Türkei (sechs Prozent) zählen zu den aufstrebenden Wunschurlaubszielen der Österreicher. Italien, mit 14 Prozent noch Spitzenreiter und Spanien (sieben Prozent) könnte weiter verlieren. Der für das Jahr 2001 von manchen Experten vorausgesagte Inlandsreiseboom hat nicht stattgefunden. Mit 27 Prozent Urlauberanteil sank das Interesse an heimischen Seen und Bergen sogar deutlich um fast 15 Prozent. Kärnten bleibt dennoch für heimische Urlauber im Aufwind. Der Urlauberanteil erreichte neun Prozent, gefolgt von der Steiermark mit sechs Prozent.

Trotzdem der Wintertourismus kein globaler Trend ist, hat die Nächtigungsziffer um fast 25 Prozent zugelegt. Die Experten raten der österreichischen Tourismuswirtschaft aber, wenn auf diese Marktnische gesetzt werde, dem Spezialangebot wesentlich mehr Bedeutung als bisher zuzumessen. Denn aus dem Marktanteil der heimischen Gäste sei das Zukunftspotenzial für den Wintertourismus jedenfalls nicht zu speisen. Von lediglich 14 Prozent der österreichischen Winterurlauber machten nur neun Prozent auch Wintersporturlaub. Zuwachsraten verzeichnen Winterurlaube im Süden und Wellnessurlaube. Der Trend gehe in Richtung "mehr verwöhnen als erleben". Die Menschen inszenieren ihre Zufriedenheit und Wohlbefinden als Antwort auf die Spaßgesellschaft. (pte)

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