Selfmademan mit grünem Daumen

8. März 2002, 20:59
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Wozu der Schrank in der Wohnung von X. alles gut ist - und worüber der Mann vom E-Werk ein bisserl erstaunt war

Es riecht. Bis auf den Gang. Aber das Gute an den Wienern ist, dass sie meistens entweder nichts wissen oder nichts wissen wollen. Und die, die wissen und wollen, die kommen eh vorbei, meint X. Und er gibt ihnen auch gerne. "Ich bin kein Dealer." Leuten wie X. ist das wichtig. Weil Dealer nämlich auch andere Sachen verkaufen. "Giftiges Zeug. Echte Drogen." Und weil er mit solchen Leuten nichts zu tun haben will, baut X. selber an, lange schon und ohne sich zu verstecken. Drum riecht es bei ihm auch bis auf den Gang.

Früher, vor zwei drei Jahren, war X. noch Amateur: Ein paar Pflänzchen in Blumentöpfen stellte er auf das öffentlich begehbare Flachdach des Hauses, in dem er wohnte, und harrte der Dinge, die da wachsen würden. Das sah gut aus, so gut, dass X. am Tag, als er mit der Gartenschere bewaffnet aufs Dach kam, um zu ernten, einen Schreikampf bekam: Irgendein gemeiner Kerl war ihm zuvorgekommen und hatte alle Stauden weggepflückt. X. wird heute noch sauer, wenn er daran zurückdenkt: "Wenn man was findet, nimmt man höchstens ein Drittel. Das weiß doch jeder."

Zum Glück wusste X. auch, wo er Hilfe finden konnte. In einem der - damals - zwei (heute zwei Dutzend) Grünzeughandlungen, die sich auf Botaniker à la X. spezialisiert haben: Vom Samen über den Dünger bis zu speziellen wachstumsfördernden Lampen samt Steuerungsmechanismen, Ventilatoren und detaillierten Anbauanleitungen findet der einschlägige Pflanzenfreund hier alles, was Herz und Steckling nur begehren könnten. Auch Luftfilter: Schließlich kann nicht jeder davon ausgehen, Nachbarn mit derart unempfindlichen Nasen zu haben wie die Nachbarn von X.

"Es gibt Orchideenzüchter, Kakteenfreunde und eben auch Hanfliebhaber. Schließlich produziert keine Pflanze mehr Sauerstoff als die Hanfpflanze", erklären die Shopbetreiber, wenn man sie fragt, ob sie denn nicht das Gefühl hätten, Menschen den Weg zum Gesetzesbruch leichter zu machen. Die Antwort ist schon so gut einstudiert, dass dabei nicht einmal im hintersten Winkel des Auges ein schalkhaftes Blitzen zu sehen ist. Missbrauch? "Wenn man uns dafür verantwortlich machen will, was man alles mit dieser Pflanze machen kann, müsste man auch Sportwagen-Händler einsperren: Die Autos gehen viel schneller, als es die StVO erlaubt." Und im Unterschied zum Autohändler weise man die Kundschaft ja auch ausdrücklich darauf hin, was man mit den pelzigen Pflanzen nicht tun darf. "Den Autohändler, der sagt: 'Aber nicht schneller als 130 auf der Autobahn', den würde ich gerne kennen lernen."

Ob das nicht ein wenig schizophren sei? X. sitzt auf dem (sehr warmen) Hochbett über dem zum Gewächshaus umfunktionierten Kasten und schüttelt den Kopf. "Ist doch egal, oder?" Wichtiger sei, dass die Pflanzen in der Wanne im Kasten genau die richtige Dosis Licht, Wasser und Dünger bekommen und dass er weiß, wann der richtige Augenblick gekommen ist, um fette Ernte einzufahren. "Wenn man das richtig macht, ist es unglaublich, wie viel man bekommt und wie gut das Ergebnis ist. Man muss aber auch wissen, wie man die Pflanzen verarbeitet. Das ist zwar nicht schwer, aber im Growshop sagen sie es dir sicher nicht."

Außerdem habe er, bei dem früher nicht einmal Schnittblumen einen halben Tag überlebten, mittlerweile ein gutes Gefühl für Pflanzen im Allgemeinen: Am Küchenfenster wuchert allerlei (legales) Kraut, "und meine Mutter holt sich Tipps für den Garten". Woher er sein Wissen habe, wisse sie nicht, "aber ich glaube, sie ahnt es".

Freilich, so richtig billig ist der Spaß nicht. Weniger wegen Samen oder Hardware, aber "mein Stromverbrauch ist ordentlich angestiegen. Die Lampen fressen Energie wie Sau und müssen den ganzen Tag brennen."

Der Mann vom E-Werk habe beim Ablesen des Zählers auch ein bisserl erstaunt geschaut. Dann habe er aber einmal tief durch die Nase eingeatmet und sei mit einem wissenden Grinsen abgezogen. "Ich glaube, das regt heute in Wirklichkeit keinen mehr auf." (rott, DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 9. /10. 3. 2002)

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